Wir suchen Antworten auf die
Herausforderungen des Lebens.

Ob besser lernen, das Klima schützen oder gesund altern – in der Leibniz-Gemeinschaft erforschen wir Themen, die der Gesellschaft nutzen.

Frag Leibniz

Welche Forschungsfrage würden Sie einer Wissenschaftlerin oder einem Wissenschaftler gerne stellen? Jetzt mitmachen und 8 x 2 Tickets für unsere Forschungsmuseen gewinnen.

Lesen Sie unsere Antworten auf Ihre Forschungsfragen:

Wie viele Galaxien gibt es bzw. wie funktionieren Weltraumteleskope die entfernte Dinge entdecken?

Um eine solche Frage beantworten zu können, braucht man extrem empfindliche Beobachtungen. Mit dem bloßen Auge können wir ja gerade einmal 3 Galaxien am ganzen Himmel erkennen (die Andromedagalaxie am Nordhimmel sowie die Kleine und die Große Magellansche Wolke am Südhimmel). Mit großen Teleskopen sind es viel mehr; am meisten sieht man mit dem Hubble-Weltraumteleskop, das sich außerhalb der Erdatmosphäre befindet und deshalb auch noch ganz schwache ferne Galaxien erkennen kann, die selbst mit den größten Teleskopen am Erdboden nicht zu finden wären. Die meisten Galaxien lassen sich in einer Aufnahme finden, die das Ergebnis einer superlangen Belichtung mit Hubble ist (und auf Englisch das “Hubble Ultra-Deep Field” genannt wird). In einem Gebiet, das einen Winkel von nur einem zwanzigstel Grad am Himmel umfasst (etwa entsprechend einem Stecknadelkopf in einem Meter Entfernung), konnten über 10000 Galaxien gefunden werden. Allerdings ist es undenkbar, den ganzen Himmel auf diese Weise zu erfassen, dafür würde Hubble über eine Million Jahre benötigen. Wir müssen also die Ergebnisse aus dem Hubble Ultra-Deep Field auf den ganzen Himmel hochrechnen; das ergibt dann etwa 100 Milliarden Galaxien am gesamten Himmel. Zusätzlich dürfte es auch noch viele Galaxien geben, die selbst für Hubble zu lichtschwach sind; wenn man deren Anzahl noch hinzuschätzt, vergrößert sich die Gesamtzahl je nach Annahme dann auf bis zu einer Billion Galaxien.

Das ist die Zahl der Galaxien im *beobachtbaren* Universum. Inzwischen wissen wir aber auch, dass das Universum unendlich ist – es gibt also vermutlich auch unendlich viele Galaxien. Die allermeisten davon liegen allerdings außerhalb unseres beobachtbaren Horizonts, wir werden also nie in der Lage sein, ihre Existenz tatsächlich zu bestätigen. Deshalb ist es sinnvoller, sich bei der Beantwortung der Eingangsfrage auf Galaxien im beobachtbaren Universum zu beschränken.

Die Antwort stammt von Lutz Wisotzki, Leiter der Forschungsabteilung Galaxien und Quasare am Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) und Professor für „Beobachtende Kosmologie“ an der Universität Potsdam.

Ist die Urknalltheorie absolut richtig? bzw. Wie entstand der Urknall?

Unter dem Urknall verstehen wir Astrophysiker den Anbeginn von Raum und Zeit. Dem gegenwärtigen Wissensstand zufolge gab es anfangs einen heißen Urknall. Durch die Expansion des Universums kühlte es sich im weiteren Verlauf ab. Als Physiker können wir aber keine Aussagen über die exakte Stunde Null treffen, da dort unsere physikalischen Grundgesetze ihre Gültigkeit verlieren und zusammenbrechen. Unsere Theorien sind erst einen winzigen Wimpernschlag später gültig, ab der sogenannten Planckzeit: Diese beträgt etwa 10^{-43} Sekunden, was eine Null Komma Null, gefolgt von weiteren 41 Nullen und einer Eins ist.

Kurz nach der Planckzeit hat das Universum wahrscheinlich eine sehr interessante Phase durchlaufen: Der gegenwärtig favorisierten Theorie der kosmischen Inflation zufolge hat es sich immer schneller ausgedehnt, so dass wir hier von einer beschleunigten Expansion sprechen. Während diese Theorie auf sehr elegante Weise einige Probleme des Standardmodells der Kosmologie löst und es einzelne Beobachtungshinweise auf sie gibt, ist sie noch nicht abschliessend nachgewiesen worden. Im Anschluss an diese inflationäre Epoche wurde das Universum wieder abgebremst. Dieser Bremsvorgang hat die Materie wieder auf unvorstellbar hohe Temperaturen aufgeheizt, so dass weder Atome noch Atomkerne existierten und die einzelnen Elementarteilchen (Quarks, Elektronen, …) in der kosmischen Ursuppe miteinander wechselwirken konnten.

Die kosmische Expansion kam dabei allerdings nicht zum Stillstand, das Universum expandierte weiter – jedoch langsamer als zuvor. In den ersten drei Minuten unseres Universums wurden die ersten leichten chemischen Elemente gebacken (zumindest deren Atomkerne), welches die Ära der Nukleon-Synthese darstellt. Durch die kosmische Expansion wurden gegenseitige Teilchen-Stösse immer seltener und schliesslich konnten sich neutrale Wasserstoff-Atome bilden. Während Lichtteilchen zuvor mit den geladenen Ionen und Elektronen wechselwirkten, konnte das Licht sich nun ungehindert ausbreiten. Wir können das Licht, welches damals freigesetzt wurde, noch heute empfangen – allerdings verlor es aufgrund der Expansion Energie und wurde in den Wellenlängenbereich der Mikrowellen verschoben. Daher sprechen wir vom kosmischen Mikrowellenhintergrund, welcher es uns ermöglicht, auf sehr genaue Weise die kosmologischen Parameter zu bestimmen und die Theorie des Urknalls (erfolgreich) zu testen. Dieser Mikrowellenhintergrund wurde etwa 400.000 Jahre nach dem Urknall freigesetzt, also relativ kurz nach dem Urknall im Vergleich zum Alter unseres Universums von 13,7 Milliarden Jahren. Würde man das Zeitalter des Universums mit dem eines Menschen vergleichen, so stellten Beobachtungen dieses kosmischen Mikrowellenhintergrunds Babybilder des Universums dar.

Wir haben mittlerweile diese frühen und späten Phasen der kosmischen Expansion genau vermessen und können mit Sicherheit sagen, dass es einen heissen Urknall kurz nach Anbeginn der Zeit gegeben haben muss. Wir können allerdings keine Aussagen über Zeiten vor der Planck-Zeit machen, da für diese kleinen Zeitintervalle unsere physikalischen Gesetzen nicht gültig sind. Also können wir auch keine Aussagen darüber treffen, wie der Urknall entstanden sein könnte. Natürlich gibt es auch darüber verschiedene Theorien, wie beispielsweise die (spekulative) Theorie des ekpyrotischen Universums (vom altgriechischen ekpyrosis „Weltenbrand“) welches ein zyklisches Universum darstellt, das sich ausdehnt, wieder zusammenzieht und nach erneuter Kollision wieder expandiert. Diese Frage nach dem Urknall und andere spannenden Fragen der Kosmologie machen den Reiz dieser Wissenschaft aus und geben uns Hoffnung, weitere neuen Erkenntnisse über unser Universum zu erlangen.

Die Antwort stammt von Christoph Pfrommer, Abteilungsleiter „Kosmologie und großräumige Strukturen“ am Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP).

Woher bekommen Hoch- und Tiefdruckgebiete ihre Namen?

Bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts bekamen besonders schwere Wirbelstürme im Atlantik und Pazifik vom US-Wetterdienst einen Namen zugewiesen, um sie besser unterscheiden zu können.  Seit 1954 werden auf Initiative des Meteorologie-Instituts der Freien Universität Berlin (FU Berlin) alle Hoch- und Tiefdruckgebiete, die das Wetter in Mitteleuropa beeinflussen, mit einem Namen versehen.  Die „Tiefs“ bekamen fortan weibliche, die „Hochs“ männliche Namen. Die Benennung erfolgte dabei nach einer Liste, die jeweils 260 Namen (je 10 Namen pro Buchstabe) umfasste und nacheinander vergeben wurden.

In den folgenden Jahrzehnten war dieses System meist nur bei Meteorologen bekannt, bevor in den 1990er Jahren einige schwere Sturmtiefs in den Medien größere Aufmerksamkeit erhielten und damit auch die Namensvergabe von Hoch- und Tiefdruckgebieten. Seit 1998 wechselt die Zuordnung weiblicher und männlicher Vornamen zu Hoch und Tiefs jährlich. Dies geschah zur Vermeidung einer möglichen Diskriminierung von Frauen, da Tiefdruckgebiete landläufig eher mit schlechtem Wetter, Hochdruckgebiete dagegen mit schönem Wetter in Verbindung gebracht werden. Zur Finanzierung ihrer studentischen Wetterbeobachtung bietet die FU Berlin seit 2002 „Wetterpatenschaften“ an. Seitdem können die Namen für Tiefdruckgebiete für 199€ und solche für die langlebigeren Hochdruckgebiete für 299€ von Jedermann erworben werden, z.B. als Geburtstagsgeschenk.

Mittlerweile taufen auch andere europäische Länder vorzugsweise schwere Sturmtiefs, allerdings nach eigenen Kriterien, sodass diese Tiefs je nach Region mehrere, verschiedene Namen erhalten können.

Die Antwort stammt von Robert Wagner vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) .

 

Wie kann man mehr NaWaRos (nachwachsende Rohstoffe) finden?

Die Natur bietet uns eine Vielzahl nachwachsender Rohstoffe. Die Frage ist, ob wir sie für unsere Bedürfnisse überhaupt nutzbar machen und wofür wir sie einsetzen können. Viele der nachwachsenden Rohstoffe gibt es nämlich nicht in ausreichender Menge, was deren ökonomische Verwendung unmöglich macht. Oder ihre einzelnen Inhaltsstoffe lassen sich nur mühsam voneinander abtrennen, wie z.B. bei natürlich vorkommenden Proteinen, die aus 20 verschiedenen Aminosäuren bestehen. Einige nachwachsende Rohstoffe – Stärke und Zucker, z.B. aus Mais, Zuckerrübe oder Zuckerrohr, sind unsere Nahrungsgrundlage. Deren Nutzung für andere Zwecke ist nicht tragbar. Algen werden häufig als nachwachsender Rohstoff mit viel Potential gehandelt. Allerdings wird für deren Anwendung extrem viel Wasser benötigt und viele der Methoden zur Nutzbarmachung sind unwirtschaftlich und letztlich nicht so ökologisch wie erhofft.

Die Bereitstellung ausreichender Mengen von Energie- und Kraftstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen ist aktuell nicht realistisch. Deswegen ist die Energiegewinnung aus Sonne, Wasser, Wind und geothermischen Quellen auch so wichtig. Unser Bedarf an Chemikalien allerdings kann durch nachwachsende Rohstoffe gedeckt werden. Bringt uns das weiter? Ja, denn Chemikalien bilden die Grundlage für viele Gebrauchsgegenstände unseres Alltages: so z.B. Medikamente, Reinigungs- & Waschmittel, Lacke & Farben, Kosmetik, Duftstoffe, Düngemittel für die Landwirtschaft und nicht zuletzt Kunststoffe.

Der bislang interessanteste nachwachsende Rohstoff für die Herstellung von Chemikalien ist Lignocellulose. Davon gibt es ausreichende Mengen, z.B. in Form von Holz, als Abfälle der Landwirtschaft oder der Papierindustrie. Genügend, um allen heutzutage existierenden Chemikalien als Rohstoff zu dienen.

Wie geht man also weiter vor? Aus Lignocellulose wird Cellulose abgetrennt und daraus Zucker hergestellt. Der Zucker dient dann entweder als Ausgangsstoff für die fermentative – also biochemische – Herstellung von Chemikalien oder für die Herstellung in katalytischen Prozessen. Zwar werden noch nicht alle heutzutage verwendeten Chemikalien auf diese Weise hergestellt, aber es werden täglich neue Verfahren publiziert da sehr viele Wissenschaftler auf diesem Gebiet arbeiten. Lignin, das nach der Abtrennung von Cellulose aus Lignocellulose überbleibt, kann noch nicht so effektiv genutzt werden. Aber auch auf diesem Gebiet arbeiten Forscher intensiv an Lösungen zur Nutzbarmachung für die Chemikalienherstellung.

Rohstoffe, die heute auch schon Verwendung finden, sind Fettsäuren, die man aus Fetten gewinnen kann und Terpene, die bei der Papierproduktion anfallen. Immer häufiger dienen auch Abfälle aus der Landwirtschaft und sogar der Fischerei – hier sei Chitin genannt – als Rohstoffe. Auch hier gibt es noch Potential.

Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass es weitere, noch nicht bekannte nachwachsende Rohstoffe gibt. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass diese in ausreichenden Mengen vorhanden sind.

Die Antwort stammt von Johannes G. de Vries, Vorstandsmitglied und Bereichsleiter des Forschungsbereiches Katalyse mit erneuerbaren Rohstoffen am Leibniz-Institut für Katalyse e.V. Rostock (LIKAT).

 

Woran erkennt man, dass ein Diamant gefälscht wurde?

Es gibt prinzipiell zwei Arten von Fälschungen bei Diamant:

(1) Imitationen, d.h. Verwendung von natürlichen oder künstlichen Stoffen, die durch Aussehen oder Farbe den natürlichen Diamant imitieren, aber nicht seine physikalischen Eigenschaften oder chemische Zusammensetzung besitzen. Hierzu wird Moissanit, Zirconia, u.a. verwendet. Diese Imitationen können aufgrund der abweichenden physikalischen Eigenschaften (Kristallstruktur, z.B. durch Röntgenanalyse oder Raman-Spektroskopie bestimmbar) oder chemischen Zusammensetzung (z.B. durch energiedispersive Röntgenspektroskopie ermittelbar) erkannt werden. In vielen Fällen hilft auch die Untersuchung der Wärmeleitfähigkeit in Kombination mit der elektrischen Leitfähigkeit. Diese beiden physikalischen Parameter werden einzeln oder in Kombination in vom Handel erhältlichen  Diamantenprüfgeräten eingesetzt. Allerdings sind inzwischen auch modifizierte Moissanit-Imitationen auf dem Markt, die von solchen Diamantenprüfgeräten nicht mehr erkennt werden können, so dass hier nur die Ermittlung der chemischen Zusammensetzung und/oder Kristallstruktur weiterhilft.

(2) Synethetische Diamanten, d.h. Diamanten, die in einem industriellen Prozess aus Kohlenstoff durch Hochdrucksynthese hergestellt wurden. Diese unterscheiden sich in ihren physikalischen Eigenschaften und der chemischen Zusammensetzung nicht von natürlich entstandenen Diamanten und sind daher viel schwieriger, manchmal auch gar nicht  zweifelsfrei von natürlichen Diamanten zu unterscheiden. Viele synthetisch produzierte Diamanten sind vom Hersteller gekennzeichnet und mit einem durch einen Laser eingravierten Monogramm „CREATED“ + Labor-Identifikationsnummer versehen. Dies kann bei einer optischen Untersuchung des Stückes unter dem Mikroskop erkannt werden. Allerdings halten sich nicht alle Hersteller von synethischen Diamanten an diese Übereinkunft. Weitere Erkennungsmöglichkeiten von synthetischen Diamanten sind manchmal noch Reste eines metallischen Flussmittels, die sich in winzigen metallischen Körnern  als Einschlüsse wiederfinden oder die im Diamant vorhanden Einschlüssen. Hier zeigen synthetische Diamanten oft keine bzw.  andere Einschlüsse als natürliche Diamanten.

Die Antwort stammt von Ralf Thomas Schmitt, Kurator der mineralogischen Sammlung am Museum für Naturkunde Berlin.

 

Wie sind die chemischen Elemente entstanden?

Die chemischen Elemente sind in mehreren Phasen entstanden:

(1) In einem Zeitraum von bis zu wenigen Sekunden nach dem Urknall entstanden bei der Abkühlung des Plasma die Bausteine der Elemente, die sich innerhalb von wenigen Minuten zu den leichtesten Elementen Wasserstoff und Helium sowie in geringen Mengen Lithium und Beryllium verbanden.

(2) Mehrere hundert Millionen Jahre später entstanden die ersten Sterne, in deren heißen Zentren Kernreaktionen einsetzten. Dabei fusionierten Wasserstoff und Helium zu schwereren Elementen. In diesem Prozess können Elemente bis zur Ordnungszahl 26, dem Eisen, gebildet werden.

(3) Elemente mit höherer Ordnungszahl als 26 entstehen in den letzten Entwicklungsstadien massereicher Sterne, den sogenannten Roten Riesen, und in gewaltigen Sternexplosionen, den Supernovae.

Die Antwort stammt von Ralf Thomas Schmitt, Kurator der mineralogischen Sammlung am Museum für Naturkunde Berlin.

 

Ist das Weltall irgendwo zu Ende?

Wie groß ist das Weltall? Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es nicht – und es spielt eigentlich auch keine Rolle. Wir wissen, dass das Universum etwa 13,8 Milliarden Jahre alt ist. Da die Lichtgeschwindigkeit endlich ist, können wir nicht weiter sehen als maximal 13,8 Milliarden Lichtjahre, also die Distanz, die das Licht in dieser Zeit zurücklegen kann. In der Tat kommen wir dieser Grenze sehr nahe, die gemessene kosmische Hintergrundstrahlung entstand, als das Universum gerade einmal 400.000 Jahre alt war.
Wir erreichen die theoretische Grenze unseres Horizonts also bis auf 400.000 Jahre. Innerhalb dieses Horizonts sehen wir keinerlei Hinweise auf eine Grenze, im Gegenteil: Alles spricht dafür, dass das Universum sehr viel größer ist als der Teil, den wir beobachten können. Womöglich ist es sogar unendlich groß. Allerdings hat die genaue Größe auch keine unmittelbare Bedeutung, denn da sich alle Kräfte im Kosmos ebenfalls maximal mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten können, entfalten mögliche Bereiche des Universums außerhalb unseres Horizonts auf den uns sichtbaren Bereich keine Wirkung.

Die Antwort stammt von Matthias Steinmetz, wissenschaftlicher Vorstand des Leibniz-Instituts für Astrophysik Potsdam (AIP) und Direktor des Forschungsbereichs Extragalaktische Astrophysik.

Wieviel Engel passen auf eine Nadelspitze?

Diese Aufgabe klingt in den Ohren eines Angewandten Mathematikers zunächst nach einem Optimierungsproblem dichtester Kugelpackungen. Bei genauerer Betrachtung der Frage kommen ihm allerdings ein paar Modellierungsfragen: Welche Form hat denn ein Engel? Ist sie dreidimensional oder liegt sie in einem speziellen topologischen Raum?  Welche Definition eines Engels soll denn verwendet werden? „Gottesbote“ hilft nicht viel weiter. Sind die benutzten Engel alle gleich? Wie groß ist ein Engel? Und andererseits: Wie groß ist die Nadelspitze? Ziemlich schnell versteht er, dass „Nadelspitze“ synonym sein soll für „ein Punkt“.  In Zeiten eines Elektronenmikroskops kann man allerdings eine Nadelspitze durchaus auch molekular auflösen und ihren Molekülen geometrische Angaben zuordnen wie Dicke, Abstände, Volumina. Aber da unser Angewandter Mathematiker auch nach längerem Nachdenken und Googeln keine Idee hat, welches räumliche Modell er für einen Engel ansetzen soll, kommt er bald zum Schluss, dass das Problem eher ein philosophisches ist.

Er kommt auf eine neue Bedeutungsebene: Die Nadelspitze ist nur ein Punkt im elementarsten Sinne des Wortes; sie hat keinerlei räumliche Ausdehnung. Und ein Engel kann auch nichts Räumliches sein, sondern etwa eine Idee, etwas Immaterielles. So weit gekommen, ist der nächste Reflex unseres Angewandten Mathematikers, dass die Frage trivial ist in der Hinsicht, dass natürlich unendlich viele solche unfassbaren, materielosen Dinge in einem Punkt Platz haben müssen, denn sie nehmen ja nicht einmal den unendlich kleinen Raum ein, den ein Punkt bietet. Aber schon tauchen die nächsten Fragen auf: Wie viele Engel sind es denn, die ich zur Verfügung habe, um sie in diesen Punkt zu setzen? Endlich viele? Unendliche viele? Überabzählbar viele? Aus der Maßtheorie kennt man ja den Umgang mit der Unendlichkeit, dass Unendlich mal Null gleich Null ist, aber was soll „Überabzählbar unendlich mal Null“ sein? Auch Null? Am einfachsten wäre es, wenn es nur endlich viele Engel gäbe, aber wer kann das einem schon garantieren? Schon der Umgang mit abzählbarer Undendlichkeit ist nicht leicht und hielt und hält die Mathematik seit Jahrhunderten auf Trab.

Beim weiteren Grübeln und Suche nach einem guten mathematischen Modell kommt unserem Angewandten Mathematiker eine weitere Frage: Wo ist diese Nadelspitze eigentlich? Ist sie irgendwo verortet, kann man hinreisen? Oder steht sie einfach nur für einen „Ort“ schlechthin? Vielleicht auch gar nicht in einem euklidischen Vektorraum, nicht einmal in einer hyperbolischen Mannigfaltigkeit, sondern vielleicht nur in den Gedanken eines Menschen? Welches Menschen? Ich kann doch nicht gemeint sein, oder? Vielleicht sollte man hier die Gedanken eines Menschen ansetzen, der sich auskennt mit den Voraussetzungen des Problems? Da gibt es doch ziemlich viele. Aber dann bin ich eigentlich doch gar nicht zuständig!

Und so kommt schließlich unser Angewandter Mathematiker zum endgültigen Schluss, dass dieses Problem gar nicht seine Sache ist, sondern am besten in die Hände eines Geistlichen gelegt werden sollte. Als er ein wenig weiter googelt, stellt er plötzlich fest, dass er mit dieser Ansicht auch gar nicht alleine ist: Jemand aus einer ganz anderen Zunft, nämlich der Zunft der Dichter, hat dies schon lange vor ihm geschlossen:

Scholastikerprobleme

 

I

Wieviel Engel sitzen können

auf der Spitze einer Nadel –

wolle dem dein Denken gönnen,

Leser sonder Furcht und Tadel!

 

„Alle!“ wirds dein Hirn durchblitzen.

„Denn die Engel sind doch Geister!

Und ein ob auch noch so feister

Geist bedarf schier nichts zum Sitzen.“

 

Ich hingegen stell den Satz auf:

Keiner! – Denn die nie Erspähten

können einzig nehmen Platz auf

geistlichen Lokalitäten.

[…]

 

Christian Morgenstern

—————————————————

Die Antwort stammt von Wolfgang König, stellvertretender Direktor und Leiter der Forschungsgruppe „Stochastische Systeme und Wechselwirkungen“ am Weierstraß-Institut sowie Professor für Wahrscheinlichkeitstheorie am Institut für Mathematik der Technischen Universität Berlin.

Gibt es Gott?

Dies ist eine Glaubensfrage, die zu allen Zeiten immer wieder gestellt wurde. Jeder und jede muss sie individuell, für sich selbst beantworten. Denn wissenschaftlich nachweisen kann man die Existenz Gottes bzw. eines Gottes nicht. Aber überliefert sind uralte Geschichten, die, wie z.B. in der Bibel, von menschlichen Begegnungen mit einem Gott erzählen, der sich – im Alten Testament – selbst als Jahwe vorgestellt und sich – wie die Geschichten des Neuen Testaments berichten – später in einem Menschen offenbart habe, der den Namen Jesus trägt und aus Nazareth stammt. Dies sind religiöse Traditionen, deren Wahrheitsgehalt nur geglaubt, nicht aber bewiesen werden kann. Dennoch hat man schon im Mittelalter versucht, die Existenz Gottes wissenschaftlich-philosophisch zu erweisen. Der Theologe Anselm von Canterbury entwickelte (vor dem Hintergrund einer platonisch-augustinischen Ontologie und Erkenntnistheorie) einen aus Selbst- und Welterkenntnis abgeleiteten Gottesbeweis, der in Gott das erkennt, „über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ und das zugleich das „höchste Gut(e)“ ist. Thomas von Aquin erstellte einen Gottesbeweis auf der Basis des Kausalitätsdenkens und definierte Gott als den „ersten Beweger“. Dennoch blieb er zutiefst davon überzeugt, dass die menschliche Vernunft die Existenz Gottes nicht begründen könne. Selbst ein Aufklärer wie René Descartes entfaltete einen Gottesbeweis, der davon ausging, dass der Mensch als endliches, begrenztes Wesen die Idee eines unendlichen göttlichen Wesens nicht selbst hervorgebracht haben könne, sondern dass ihm diese Gottesidee eingepflanzt sei. Der Begriff des Unendlichen müsse also dem Endlichen vorausgehen.

Die Zeit der Gottesbeweise ist heute lange vorbei. Schon im frühen 19. Jahrhundert wurde das Bestreben, die Existenz Gottes mit wissenschaftlichem Objektivitätsanspruch nachzuweisen, endgültig aufgegeben. Theologie, Geistes- und Naturwissenschaften bildeten gemeinsam den Wissenschaftskosmos der Neuzeit. Denn weder die theologischen Wissenschaften noch die Religionsgeschichte zielen darauf, solche Nachweise zu entfalten. Ihr Anliegen ist vielmehr zu analysieren, wie Gottesglaube und Religion zu allen Zeiten das Zusammenleben der Menschen beeinflussten und die Welt in ihren politischen und gesellschaftlichen Konstellationen beständig veränderten, unabhängig davon, ob ein Gott letzten Endes existiert oder nicht. Gibt es Gott? Darauf kann nur der individuelle Glaube antworten, nicht aber die Wissenschaft.

Die Antwort stammt von Irene Dingel, Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte (IEG).

Eine weitere Antwort stammt von Samuli SchielkeLeibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO):

Unabhängig davon, ob Gott eine Erfindung von Menschen ist oder ihr Schöpfer, kann man sagen, dass es ihn gibt. Wenn Gläubige ihn anbeten, ihre Hoffnungen und Werte an ihn knüpfen, ist das aus Sicht der Sozialwissenschaften eine unbestreitbare Realität. Gottes Befehle werden in Praxis umgesetzt, seine Gnade und Liebe bieten Menschen Trost, und die Androhung seiner Strafe nach dem Jüngsten Gericht lässt Menschen ihn fürchten. Diese Handlungen und Gefühle gibt es. Ohne solche Beziehungen, die Menschen mit Gott und Göttern pflegen, kann man Religionen nicht richtig verstehen. Ob das nun aber daher rührt, dass Menschen von sich aus in einer sinn- und seelenlosen Welt Sinn und Seelen erfinden und erschaffen, oder ob eine unsichtbare übermenschliche Wirklichkeit dahinter steht – solche Fragen gehören nicht in den Aufgabenbereich der Sozialwissenschaften.

Weiterführende Informationen von Samuli Schielke zum Thema finden Sie hier.

Gibt es Außerirdische?

Kommt darauf an, was man mit Außerirdischen meint. Bislang hat die Menschheit einige Tausend Planeten in anderen Sonnensystemen entdeckt. Diverse davon befinden sich in einer Umlaufbahn, wo theoretisch flüssiges Wasser auf der Planetenoberfläche existieren könnte – dies gilt allgemein als eine Grundbedingung für Leben, wir wir es kennen. Wenn man von den bisher entdeckten Planeten hochrechnet, dann kann man sogar erwarten, dass etwa einer von sechs Sternen einen erdähnlichen Planeten in dieser sogenannten „bewohnbaren Zone“ beherbergen könnte. Damit kommt man auf wirklich sehr viele Planeten allein in unserer Milchstraße, auf denen sich Leben entwickelt haben könnte – vermutlich mehr als 10 Milliarden. Zumindest das Entstehen von einfachen Lebensformen wie Bakterien auf irgendeinem anderen Planeten ist bei einer solch großen Zahl von Chancen nicht unwahrscheinlich. Wenn man mit Außerirdischen aber nicht Einzeller, sondern ganze Zivilisationen meint, dann wird es natürlich sehr viel schwieriger. Da bleibt als Antwort nur ein sehr dehnbares „Vielleicht“.

Die Antwort stammt von Katja Poppenhäger vom Leibniz-Institut für Astrophysik (AIP).