Wir suchen Antworten auf die
Herausforderungen des Lebens.

Ob besser lernen, das Klima schützen oder gesund altern – in der Leibniz-Gemeinschaft erforschen wir Themen, die der Gesellschaft nutzen.

Frag Leibniz

Welche Forschungsfrage würden Sie einer Wissenschaftlerin oder einem Wissenschaftler gerne stellen? Jetzt mitmachen und 8 x 2 Tickets für unsere Forschungsmuseen gewinnen.

Lesen Sie unsere Antworten auf Ihre Forschungsfragen:

Welche Auswirkung hat der Brexit auf die deutsche Wirtschaft?

Der Brexit ist vor allem für den Vereinigten Königreich selbst eine Katastrophe. Für Europa ist er in erster Linie eine politische Herausforderung, die viel Zeit und Energie gekostet hat, zu Lasten anderer, gravierender Probleme. Für die Menschen in Deutschland gibt es aber wirtschaftlich keinen Grund zur Panik. Ich vertraue darauf, dass London und die restliche EU selbst im Falle eines harten Brexits ein wirtschaftliches Chaos verhindern und sich auf Übergangslösungen einigen, die den größten Schaden abwenden.

Die meisten Menschen in Deutschland werden einen harten Brexit kaum selbst zu spüren bekommen. Vereinzelt könnten Produkte teurer werden, aber dies sollte die Ausnahme bleiben. Einzelne Unternehmen und Sektoren, die besonders stark mit dem Vereinigten Königreich im Handel sind, werden leiden. Insgesamt gehen sechs Prozent der deutschen Exporteure in das Vereinigte Königreich, der Löwenanteil davon sind industrielastige Güter wie zum Beispiel Autos. Ich erwarte dennoch keinen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland durch den Brexit. Denn unsere deutsche Wirtschaft ist stark und unsere Exporteure verkaufen auf der ganzen Welt. Deutschland wird sicherlich einen Preis für den Brexit zahlen müssen. Gemessen am deutschen Bruttoinlandsprodukt dürfte dieser Brexit-Effekt aber sehr gering sein.

Die Antwort stammt von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Strebt China die Weltherrschaft an?

Sicher nicht. Richtig ist aber, dass China wirtschaftlich in rasantem Tempo aufholt. Das hat die jüngste Vergangenheit eindrucksvoll gezeigt. Das Land hat in den vergangenen 15 Jahren seinen Anteil am Weltwirtschaftsprodukt von weniger als neun Prozent auf mehr als 18 Prozent gesteigert. Es spielt mittlerweile seine Wirtschaftsmacht konsequent aus, wie es übrigens auch die Amerikaner tun, und beeinflusst dadurch das wirtschaftliche Geschehen auf wichtigen Märkten. „Made in China 2025“, die Strategie des Landes zur Technologieführerschaft, unterscheidet sich zwar in der Sache von „America First“, aber nicht im Anspruch. Gleiches gilt für die Initiative „Neue Seidenstraße“, eine langfristige Strategie, bei der China milliardenschwere Investitionen in vielen Staaten durchführt und dadurch auch wirtschaftliche Abhängigkeiten schafft, die wiederum politische Einflussmöglichkeiten eröffnen. 2049, so das Ziel, soll China die global führende Industrienation sein. Parallel zu diesen Anstrengungen arbeitet das Land daran, die eigene Währung, den Renminbi, als weitere Leitwährung zu verankern.

Deutschland hat sehr stark vom wirtschaftlichen Aufholen Chinas profitiert und wird dies auch weiter tun. Auch im Jahr 2018 war China erneut, bereits zum dritten Mal in Folge, Deutschlands wichtigster Handelspartner. So betrug der Wert der gehandelten Waren zwischen Deutschland und China rund 199,3 Milliarden Euro, darunter der Wert der deutschen Exporte gut 93, 1 Milliarden Euro. Damit war China nach den USA das zweitwichtigste Abnehmerland deutscher Exporte. Dabei hat sich der Warenwert der Exporte nach China seit dem Jahr 2000 bis 2018 fast verzehnfacht. Die steigenden deutschen Exporte nach China haben dazu beigetragen, den Bedarf an Industriearbeitsplätzen in Deutschland zu stabilisieren.

Allerdings müssen Deutschland und Europa darauf achten, dass sie in zentral wichtigen Feldern nicht zurückfallen und von China nicht ausgebremst werden. Dazu gehört, bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz nicht den Anschluss zu verlieren, sowie zu erreichen, dass nicht nur chinesische Unternehmen beispielsweise deutsche Unternehmen kaufen können, sondern dies auch umgekehrt besser möglich wird. Das geplante Investitionsabkommen von Europa mit China wäre dafür ein wichtiger erster Schritt, ein Handelsabkommen müsste folgen. Denn: Offene Märkte ohne Wettbewerbsbeschränkungen sind auf lange Sicht der beste Garant für Innovationen und Wohlstand, und das in allen Partnerländern.

Die Antwort stammt von Achim Wambach, Präsident ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim

Wie beurteilen Sie die Rolle Chinas in Afrika?

Afrika wurde lange als „vergessener Kontinent“ bezeichnet. Das hat sich geändert. In den letzten zehn Jahren wuchsen die Volkswirtschaften Subsahara-Afrikas um durchschnittlich 5 Prozent pro Jahr. Als einer der wichtigsten Gründe für diese Wende im wirtschaftlichen Schicksal Afrikas wird der Aufstieg der Schwellenländer im Allgemeinen und Chinas im Besonderen angesehen. Andere bezeichnen China hingegen als einen „Schurken“, der eine gesunde, nachhaltige Entwicklung Afrikas bedroht. Was stimmt?

Um die Rolle Chinas abschließend zu bewerten, ist es noch zu früh. Ein Haupthindernis ist, dass die Datenlage schwierig ist. Die chinesische Regierung selbst stellt keine systematischen Informationen zu ihren Entwicklungsprojekten in Afrika zur Verfügung. Zusammen mit Kollegen am College of William & Mary, der Harvard-Universität und der Universität Heidelberg haben wir eine Datenbank zu chinesischen Entwicklungsprojekten in Afrika und darüber hinaus erstellt. Die Datenbank basiert auf frei verfügbaren offiziellen Berichten der Empfängerregierungen und chinesischen Auslandsvertretungen, wissenschaftlichen Untersuchungen und Medienberichten. Die Datenbank ist unter https://china.aiddata.org/ öffentlich zugänglich und wird stetig verbessert. Unseren Daten entsprechend erhielt Afrika 34 Prozent der offiziellen chinesischen Finanzströme an Entwicklungsländer, nämlich rund 118 Milliarden US-Dollar im Zeitraum von 2000 bis 2014. Hiervon entsprach ein gutes Drittel der OECD-Definition von Öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit (ODA), war also Entwicklungshilfe im engeren Sinne.

Unsere Datenbank ermöglicht erste empirische Untersuchungen zu der Rolle Chinas in Afrika. Zunächst haben wir Chinas Vergabeentscheidungen untersucht. Basierend auf unseren ökonometrischen Schätzungen erscheint die Behauptung, Chinas ODA sei „Schurkenhilfe“, ungerechtfertigt. Unsere Studien finden keine Hinweise, dass die Vergabeentscheidungen primär von natürlichen Ressourcen getrieben wären und Autokratien bevorzugt würden. Auch zeigt sich in Bezug auf wirtschaftliche und politische Eigeninteressen kein signifikanter Unterschied zu den großen westlichen Geberländern wie den Vereinigten Staaten, Japan und den großen europäischen Gebern. Allerdings finden wir in gemeinsamen Studie mit Kollegen der Universität St. Gallen und Monash-Universität Belege, dass mehr chinesische Entwicklungsprojekte in Hauptstädten, reicheren Provinzen und den Geburtsregionen afrikanischer Staatenführer angesiedelt werden. Es scheint, dass die Staatenführer Chinas Entwicklungsprojekte für ihre persönlichen politischen Zwecke missbrauchen können.

Was die Auswirkungen auf Entwicklung in den Empfängerländern betrifft, so gibt es zunächst gute Nachrichten. Es zeigt sich ein zeitlich verzögerter Anstieg des Bruttoinlandsprodukts auf Länderebene. Eine Verdopplung chinesischer ODA führt zwei Jahre nach der Hilfszusage zu einem Anstieg des Wachstums von 0,4 Prozentpunkten. Auf Provinzebene lässt sich eine Zunahme von Nachtlicht in denjenigen Regionen erkennen, an die chinesische Gelder vergeben wurden. Sattelitenaufnahmen von Nachtlicht werden in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung oft als Maß für Entwicklung auf Regionalebene verwendet, da für Entwicklungsländer oft keine guten Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vorliegen.

Allerdings gibt es auch schlechte Nachrichten, wenn man die Nebenwirkungen chinesischer Entwicklungsprojekte in Afrika betrachtet. Eine kürzlich erschienene Studie eines Forschungsteams der Universitäten Göteborg und Oslo zeigt, dass in Umfragen von einer erhöhten Korruption in denjenigen Gebieten berichtet wird, in denen chinesische Entwicklungsprojekte implementiert wurden. Das gleiche Autorenteam findet, dass Chinas Entwicklungsprojekte Gewerkschaftsaktivitäten in ihrer geografischen Umgebung schwächen. Kollegen vom College of William & Mary zeigen in einer Studie, dass chinesische Entwicklungsprojekte in Forstschutzbereichen zu einer stärkeren Entwaldung führen können aber nicht müssen—je nachdem, ob eine entsprechende staatliche Regulierung dies verhindert. Es ist daher wichtig, dass sich Afrikas Regierungen mit guten Regulierungen im Arbeitsrecht und Umweltbereich gut aufstellen, um ungewollte Nebenwirkungen abzufedern und von den Wachstumsimpulsen chinesischer Entwicklungsprojekte zu profitieren.

Die Antwort stammt von Andreas Fuchs. Er gehört zum Forschungsbereich „Armutsminderung und Entwicklung“ des IfW Kiel und ist Inhaber der gemeinsamen Professur für Umwelt-, Klima- und Entwicklungsökonomik der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg (HSU/UniBwH) und des Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel).

Tabea Lakemann, Research Fellow am GIGA Institut für Afrika-Studien, beantwortet die Frage folgendermaßen: 

Das chinesische Engagement auf dem afrikanischen Kontinent wurde seit dem ersten China-Afrika-Gipfel im Jahr 2000 stetig intensiviert und ist thematisch und geografisch breit gefächert: Es reicht von umfangreichen Investitionen in Infrastruktur über Entwicklungshilfe-Maßnahmen und Privatinvestitionen bis hin zur Bereitstellung von Truppen für UN-Friedensmissionen in einigen afrikanischen Ländern. Diese vielen verschiedenen Aktivitäten lassen sich nicht pauschal positiv oder negativ bewerten.

Angenommen, uns interessiert Chinas Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung afrikanischer Staaten: Das chinesische Engagement in Afrika ist in überwältigendem Maße von eigenen wirtschaftlichen Interessen getrieben. China ist inzwischen der wichtigste Handelspartner des Kontinents, Herkunftsland der meisten neu getätigten Direktinvestitionen und bei weitem der wichtigste Finanzgeber für Infrastrukturprojekte. Anders als beispielsweise westliche Geberländer oder die Weltbank bietet China Pakete von der Finanzierung durch staatliche Banken bis hin zum Bau der Infrastruktur durch private chinesische Firmen an. Für die chinesische Seite hat das den Vorteil, dass Überkapazitäten in der Bauindustrie nach Afrika „exportiert“ werden können, während Gewinne zurück nach China fließen. Gleichzeitig sichert sich China so vielerorts den Zugang zu Bodenschätzen sowie strategisch wichtigen Einrichtungen und Anlagen. Auch für afrikanische Volkswirtschaften hat das Arrangement durchaus seinen Reiz: Mit dem Bau von Straßen, Bahnlinien, Tiefseehäfen und Kraftwerken trägt China zum Abbau der enormen Infrastrukturdefizite bei, die vielerorts wirtschaftliche Entwicklung behindern. Es gibt jedoch auch berechtigte Gründe zur Skepsis. Oft kommen kaum afrikanische Arbeitskräfte zum Zuge, sodass wenig Wertschöpfung im jeweiligen Land verbleibt. Sehr problematisch sind auch die hohe Verschuldung afrikanischer Staaten gegenüber China und die Tatsache, dass Kredite oft aus den Gewinnen der Infrastrukturprojekte zurückgezahlt werden sollen. Fallen diese geringer aus als erwartet, gerät das afrikanische Land in Zahlungsschwierigkeiten. Anfang 2019 sind mehr als fünfzehn afrikanische Staaten zahlungsunfähig oder von der Zahlungsunfähigkeit bedroht – mehrere dieser Staaten stehen tief bei China in der Kreide. Insgesamt bedeutet Chinas Engagement also Entwicklungschancen für afrikanische Staaten, birgt aber auch umfangreiche Risiken. Wichtig für afrikanische Regierungen ist, dass sie Verhandlungsspielräume voll ausnutzen, um für sich die besten Konditionen auszuhandeln – und wenn nötig auch einmal Nein zu einem Projekt sagen.

 

Wie kann in Zukunft die „Vererbung“ von Reichtum und von Armut verhindert werden?

Bei dieser Frage geht es in einem ersten Schritt um eine Bestandsaufnahme: Inwieweit findet eine Vererbung von Reichtum und Armut statt? Eine Studie der OECD (2018) ergibt, dass in Deutschland mehr als die Hälfte der beobachteten Einkommensunterschiede zwischen den Eltern an die nächste Generation weitergegeben werden. Mit diesem Ergebnis schneidet Deutschland im Industrieländervergleich mit am schlechtesten ab. Auch wenn es wissenschaftliche Kritik an dieser Studie gibt, sind sich die Ökonomen einig, dass es in Deutschland einen starken Zusammenhang zwischen dem Einkommen des Elternhauses und den späteren Einkommen der Kinder gibt (Hufe et al., 2018).

Im zweiten Schritt kann man nun klären, welche Faktoren diesen Zusammenhang bestimmen. Die ökonomische Forschung zeigt, dass ein wesentlicher Faktor die Bildung ist. Der Schulerfolg hängt in Deutschland stärker als in anderen Ländern vom Einkommen der Eltern ab. Und die Arbeitsmarktforschung zeigt wiederum, dass eine gute Bildung ein wesentlicher Bestimmungsfaktor der wirtschaftlichen Chancen, also der späteren Einkommen ist (Kugler et al., 2017).

Im dritten Schritt soll es nun darum gehen, welche Lösungsansätze es gibt, wenn man die Vererbung von Reichtum und Armut verhindern möchte. Dazu hilft zunächst das theoretische Konzept der Chancengerechtigkeit (Roemer, 1998). Dieses Konzept meint nicht, dass es einen Anspruch auf Ergebnisgleichheit gibt. Unterschiede hinsichtlich des Einkommens bzw. Vermögens von Individuen sind gerechtfertigt, solange sie einzig und allein auf persönliche Anstrengung zurückzuführen sind. Chancengerechtigkeit heißt jedoch, dass individuelle Erfolgsaussichten in einer Gesellschaft nicht von Umständen abhängen dürfen, auf die ein Individuum selbst keinen Einfluss hat, wie beispielsweise das elterliche Einkommensniveau, die Nationalität, oder der gesellschaftliche Status der Familie.

Für eine „Verhinderung“ bzw. Minderung der Vererbbarkeit von Reichtum und Armut in Deutschland folgt aus diesen Punkten, dass es größere Veränderungen hinsichtlich der Chancengerechtigkeit geben muss. Dabei spielt das Bildungssystem eine wesentliche Rolle. Dieses muss so ausgerichtet sein, dass der Bildungserfolg im frühkindlichen, schulischen und universitären Bereich nicht durch die familiären Einkommensverhältnisse der Kinder und Jugendlichen bedingt ist. Davon ist Deutschland leider noch weit entfernt. So sind die Mathematikleistungen von 15-jährigen Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen durchschnittlich vier Schuljahre niedriger als die Mathematikleistungen von Jugendlichen aus guten sozialen Verhältnissen. Ein Studium nehmen 79 Prozent der Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss auf, wohingegen nur 27 Prozent der Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss studieren (Wößmann, 2018).

Die bildungsökonomische Forschung hat im internationalen Kontext klare Evidenz dafür gefunden, dass frühkindliche Bildung, die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems sowie gezielte Fördermaßnahmen die Chancengerechtigkeit stark beeinflussen. Für Deutschland lässt sich aus den Forschungsbefunden folgern: 1) Das frühkindliche Bildungssystem muss quantitativ und qualitativ so ausgelegt sein, dass (auch) Kinder aus benachteiligten Verhältnissen gut vorbereitet in die Grundschule kommen. 2) Wenn Kinder nicht schon im Alter von zehn Jahren, sondern erst deutlich später auf verschieden Schularten aufgeteilt werden, würde dies die Chancen von Kindern aus ärmeren Verhältnissen erhöhen. 3) Um Ungleichheiten im Bildungssystem auszugleichen ist das Gießkannenprinzip, wie etwa bei der Verteilung von finanziellen Mitteln, ein sehr ungeeignetes Verfahren. Gezielte Maßnahmen für benachteiligte Gruppen, z.B. in Form von Mentoring-Programmen oder „Frühen Hilfen“, sind weitaus wirkungsvoller.

Die Antwort stammt von Larissa Zierow, Stellvertretende Leiterin des ifo Zentrums für Bildungsökonomik

Referenzen:

Hufe, Paul, Andreas Peichl und Daniel Weishaar (2018), „Intergenerationelle Einkommensmobilität: Schlusslicht Deutschland?“, ifo Schnelldienst 71 (20), 20–28.

Kugler, Franziska, Marc Piopiunik und Ludger Wößmann (2017), „Einkommenserträge von Bildungsabschlüssen im Lebensverlauf: Aktuelle Berechnungen für Deutschland“, ifo Schnelldienst 70 (7), 19-30.

OECD (2018), A Broken Social Elevator? How to Promote Social Mobility,OECD Publishing, Paris.

Roemer, J. E. (1998), Equality of Opportunity, Cambridge, Harvard University Press.

Wößmann, Ludger (2018). Bildungspolitik ist Säule der Sozialen Marktwirtschaft. ARD Themenwoche Gerechtigkeit, 16.11.2018.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Per Definition gehört der öffentliche Raum allen und ist für eine lebendige (Stadt)Gesellschaft ein wichtiger und unverzichtbarer Raum der Begegnung und des Austauschs. Diese Begegnung beinhaltet naturgemäß viele Widersprüche und Konflikte, die sich vielfach nicht auflösen lassen, sondern immer auch ein Nebeneinander und das Aushalten von Gegensätzen bedeuten. Stadt lebt von Vielfalt, die nicht immer konfliktfrei sein kann.

Eigentumsrechtlich gehört der öffentliche Raum in der Regel den Kommunen. Eigentumsrechtlich privatisierte Flächen in Stadtmitten wie bspw. Einkaufszentren, Bahnhöfe und ihre Vorplätze etc. fallen mit Blick auf den gesamten öffentlichen Raum in Deutschland prozentual gering aus. Nichtsdestoweniger ist der Zugang zu öffentlichem Raum für einzelne Personengruppen oft direkt oder indirekt eingeschränkt, beispielsweise durch die Präsenz von Sicherheitskräften, Kameras und/oder die Art der Gestaltung oder Aufenthaltsregelungen.

Eine tolerante Stadtpolitik versucht allen Gruppen die Teilhabe am öffentlichen Raum zu ermöglichen. Dazu gehört die Akzeptanz und Moderation von Konflikten und Nutzungskonkurrenzen unterschiedlicher Gruppen, ihrer Ansprüche und Bedürfnisse. Diese müssen im Einzelfall gegeneinander abgewogen werden, denn der öffentliche Raum lebt von der Vielfalt seines Angebots, aber auch vom Respekt gegenüber den Bedürfnissen der jeweils anderen. Eine Möglichkeit ist die Aufteilung des öffentlichen Raumes in Teilräume, die bewusst Anreize (aber zugleich auch Zugangsbeschränkungen) für die unterschiedliche Nutzergruppen aufweisen.  Das reicht von Kinderspielplätzen ohne Spritzen oder zerbrochene Flaschen über Räume, die gezielt Aufenthalts- und Erlebnisqualitäten für Jugendliche bieten, wie beispielsweise Skaterlandschaften oder Graffitiwände, bis hin zu barrierefrei zugänglichen Räumen mit ausreichend Sitzgelegenheiten und einem geordneten Charakter, der beispielsweise ältere Menschen, die sich in vielen urbanen Räumen verloren oder unsicher fühlen, anspricht. Wichtig ist es aber auch, Gruppen, die keine eigene Lobby haben, aber auch auf den öffentlichen Raum angewiesen sind, wie z.B. Obdachlose oder Suchtkranke, ebenfalls seitens der öffentlichen Hand Räume anzubieten.

Die Antwort stammt von Rainer Danielzyk, Generalsekretär der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

Wie kann verhindert werden, dass mit den voraussichtlich weiter ansteigenden Sommertemperaturen allein lebende Ältere in ihren Wohnungen zu vergessenen Toten werden, weil ihr Herzinfarkt, ihr Kreislaufzusammenbruch oder andere unversorgte Hitzefolgen nicht rechtzeitig bemerkt werden?

Es gibt keine einfache Antwort oder direkte politische, medizinische oder technische Lösung für dieses Problem. Letztlich bedarf es eines funktionierenden sozialen Zusammenhalts, in diesem Fall in der jeweiligen Nachbarbarschaft. Mehr Interesse und Aufmerksamkeit für die Mitmenschen und ein guter Zusammenhalt auf Quartiersebene lassen sich nicht verordnen, aber fördern. Dazu zählen Unterstützungsangebote wie die Einrichtung eines Quartiersmanagements, das Angebot generationenübergreifender Aktivitäten und Begegnungsräume, die Unterstützung von gesellschaftlichen, staatlichen oder kirchlichen Initiativen, die sich um ältere Mitglieder im Quartier kümmern etc.. Hier gibt es zahlreiche Förderansätze, allerdings oft projektförmig und damit befristet.

Sinnvoll sind auch individuelle technisch-finanzielle Unterstützungen wie eine systematische Beratung und die Bereitstellung von Hausnotrufen für Ältere und/oder Kranke, die bisher eigenständig beauftragt und bezahlt werden müssen. Zugleich könnten gesundheitspolitische Anreize gesetzt werden, um beispielsweise die Praxiseröffnung von Allgemeinmedizinern/-innen gerade auf dem Land oder in Quartieren zu fördern, wo der Altersdurchschnitt besonders hoch ist. Auch die gezielte Vergütung von mehr Zeit zur Betreuung von Patient/-innen und Hausbesuchen wären sinnvoll.

Darüber hinaus verweist diese Frage auch auf grundsätzliche klima- und damit auch gesellschaftspolitische Herausforderungen. Sie zeigt, wie unser (Nicht)Handeln im Hinblick auf Klimaschutz und Klimaanpassung bereits heute weitreichende Konsequenzen auch hier vor Ort und nicht nur in der Arktis oder auf Südseeinseln hat.

Die Antwort stammt von Rainer Danielzyk, Generalsekretär der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

Um unsere Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen, ist es da besser Menschen zur Kooperation zu bewegen oder sind sie erfolgreicher, wenn sie konkurrieren?

Da Menschen soziale Wesen sind, die ohne einander nicht auskommen, haben sie viele unterschiedliche Arten des Miteinanders entwickelt. Kooperation und Konkurrenz sind zwei wesentliche Formen sozialen Zusammenlebens. Kooperation vereint Menschen für die Erreichung gemeinsamer Ziele. Dabei reicht das Spektrum von Solidarität über gegenseitige Hilfe bis hin zu Zweckbündnissen und Multituden, also lediglich dem gemeinsamen Handeln. Ebenso ist Konkurrenz durchaus vielschichtig. Vom spielerischen Vergleichen und Messen, kollegialen und sportlichen Wettbewerb bis hin zu Rivalität, neidvoller Missgunst, dem verzweifelten Ringen um Positionen, Jobs und Anerkennung bis hin zur Feindschaft kann Konkurrenz zahlreiche Formen annehmen. Zusätzlich finden sich auch viele Mischformen, wie das Konkurrieren von Firmen oder Mannschaften, die Gleichgesinnte durchaus vereint und kooperieren lässt.

Für den einzelnen Menschen sind sowohl Kooperation als auch Konkurrenz hilfreich, um seine Ziele zu erreichen. Welche Form sich als die bessere erweist, hängt von den Rahmenbedingungen ab, aber auch davon, was eigentlich als erfolgreich gilt. Kooperation stärkt die soziale Eingebundenheit, das Gefühl nicht allein zu sein, gibt Rückhalt in Problem- und Krisensituationen. Nicht zufällig stellen viele Gesellschaften das kooperative Miteinander („Mutual Aid“) ins Zentrum ihrer Weltanschauung. Andere erheben das Denkprinzip „Konkurrenz belebt das Geschäft“ zur Handlungsmaxime, da sie im Wetteifern um begrenzte Ressourcen, aber auch begrenzte Zeit für den Einzelnen oder die Gruppe die stärkste Motivation sehen. Diese drückt sich bei Erfolg wiederum in der Steigerung von Selbstwertgefühlen und sozialer Anerkennung aus, kann also durchaus positive Effekte haben.

Der Erfolg Einzelner bewirkt jedoch nicht zwangsläufig eine bessere Welt. Genauso wie eine Kooperation immer jene ausschließt, mit denen nicht kooperiert wird, verschafft Konkurrenz auch nur jenen Vorteile, die erfolgreich konkurrieren. So kann die Kooperation auch auf Kosten anderer gehen, ebenso wie Konkurrenz kriegerisch und zerstörerisch ausgetragen werden kann. Beides trifft umso mehr zu, wenn man die Welt als besseren Ort nicht nur auf das gute und erfolgreiche Leben der Menschen reduziert, sondern die gesamte Umwelt in den Blick nimmt. Zwar scheint eine „gesunde“ Mischung aus Kooperation und Kollaboration als eine hilfreiche Faustformel, was aber als gesund für wen gilt, welche Lebewesen wir eigentlich ausschließen und schädigen, dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.

Die Antwort stammt von Stefan Schreiber, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Resilienzfaktoren in diachroner und interkultureller Perspektive – was macht den Menschen widerstandsfähig?“ am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Wie ist die soziale Anerkennung und Ehrung von Leistung durch Applaus entstanden?

Applaus ernten wir für eine besondere Leistung; Wir erfahren Anerkennung und – so verbirgt es sich auch in der Übersetzung des lateinischen Wortes „applausus“ – Zustimmung. Persönlich ausgedrückte Gesten der Würdigung, Belohnung oder Unterstützung wie etwa Schulterklopfen oder Händeschütteln gehen in einer größeren oder unüberschaubaren Gruppe schnell unter. Sie bedürfen Alternativen. Durch gemeinsames Klatschen entstehender Applaus zeigt Lob, Wertschätzung und Respekt der Masse und nicht nur der/s Einzelnen. Zugleich versichert es den „Beklatschten“ einen gewissen sozialen Rückhalt der Gruppe.

Wenngleich direkte Belege für Applaus in frühen Gesellschaften fehlen, gibt es doch Hinweise auf Formen sozialer Interaktion wie Musik und Tanz.  Bereits vor ca. 45.000 Jahren oder mehr wurde deren Ausübung vermutlich – durch uns heute nicht mehr erschließbare Ausdruckformen sozialer Anerkennung – honoriert. Vielleicht entstand der Applaus aus Musik begleitendem Klatschen. Welchen Stellenwert Applaus über die Zeit erreichte, zeigt die der griechischen Mythologie entsprungene Figur Krotos. Er gilt als der Erfinder des rhythmischen Beifalls zur Musik, bedeutet sein Name nichts anderes als „Klatschen“ oder „Stampfen mit dem Fuß“. Beifall spenden etablierte sich auch bei den Römern im Theater oder der Arena und wurde durch die Aufforderung „plaudite!“, also „klatschet!“ nur noch befeuert.

Gesellschaftlich regulierten Applaus erleben wir heute. Wer bei einem klassischen Konzert im falschen Moment applaudiert, wird als unwissend entlarvt – kennt er/sie doch nicht die Regeln des „Applaus-Knigges“. Immer wieder aufbrausender Beifall während eines Popkonzerts ist hingegen erwünscht und trägt zur ausgelassenen Stimmung bei. Als Aufforderung zum gemeinsamen Applaudieren ist dann auch eine Aussage des Dichters und Schriftstellers Christian Morgenstern zu verstehen, mit der er zugleich das Gefühl gemeinschaftlicher Anerkennung beschreibt: Denn „Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.“

Die Antwort stammt von Olaf Jöris, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in MONREPOS | Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution und Louise Rokohl, Wissenschaftliche Koordinatorin im Projekt „Resilienzfaktoren in diachroner und interkultureller Perspektive – was macht den Menschen widerstandsfähig?“ am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Wann ist der Zeitpunkt einer Überbevölkerung eingetreten?

Bezogen auf die gesamte Menschheit und den Planeten Erde (nicht auf ein einzelnes Land oder einen Kontinent) lässt sich sagen: Das hängt ganz davon ab, wie wir jetzt und in Zukunft unsere Lebens- und Wirtschaftsweisen gestalten.

Schon jetzt lebt die Weltbevölkerung „über ihren Verhältnissen“. Das zeigen verschiedene wissenschaftliche Arbeiten wie das Konzept der planetaren Grenzen („planetary boundaries“), zum ökologischen Fußabdruck („ecological footprint“) oder auch der sogenannte Erdüberlastungstag („Earth Overshoot Day“). Alle drei Konzepte machen deutlich, dass die Menschheit (vor allem die Menschen in den Industrie- und Schwellenländern) mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als unser Planet ihr auf nachhaltige Art und Weise dauerhaft zur Verfügung stellen kann.

So markiert etwa der Erdüberlastungstag, an welchem Tag im Jahr wir exakt so viele natürliche Ressourcen verbraucht haben, wie die Erde in einem Jahr wiederherstellen kann. Für die gesamte Menschheit lag dieser Tag im Jahr 2018 am 1. August. Deutschland hatte den Erdüberlastungstag schon am 2. Mai erreicht – also nach etwa einem Drittel des Jahres. Das heißt: Würden alle Menschen auf der Welt wie wir in Deutschland leben (heizen, essen, reisen, kaufen…), bräuchte es in etwa drei Erden, um den dafür erforderlichen Bedarf an natürlichen Ressourcen wie Energie, Rohstoffe oder Boden jährlich zu erneuern!

Weltweit gibt es inzwischen viele Bemühungen, unsere nicht-nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen zu ändern. Wichtig sind hierbei auch die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich in vielen Städten und Regionen aktiv darum bemühen, durch eigenes Handeln und das Anstoßen von Aktionen einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit zu erreichen. Das hat das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung gemeinsam mit Partnern in verschiedenen Projekten herausgefunden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben untersucht, wie sich gesellschaftlicher Wandel vor Ort konkret gestalten und alternative, nachhaltige Strukturen, Denkweisen und Lebensstile etablieren lassen. Deutlich wurde, dass der Beitrag lokaler Initiativen nicht zu unterschätzen ist. Damit es aber nicht beim Engagement einiger weniger bleibt, braucht es die Unterstützung durch Stadtpolitik und Stadtverwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Noch wichtiger ist, dass alle Menschen erkennen: Es kommt auf jede und jeden Einzelnen an. Ob Energie sparen, vom Auto auf das Fahrrad umsteigen, saisonale und regionale Lebensmittel einkaufen oder langlebige Produkte aus recycelbaren Materialien nutzen – es gibt unzählige Arten, wie jeder und jede dazu beitragen kann, dass viele Menschen gut auf der Erde leben können.

Die Antwort stammt von Markus Egermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR).

Wie werden wir zukünftig in immer größeren Städten mit immer mehr Menschen gut leben können?

Diese Frage ist sehr berechtigt angesichts der Prognose der Vereinten Nationen, dass bis 2050 etwa 70 Prozent der Menschen in Städten leben werden. Im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) beschäftigen wir uns tagtäglich mit der Frage, wie unter diesen Voraussetzungen ein gutes Leben für jede Stadtbewohnerin und jeden Stadtbewohner möglich sein kann. Die Lösung liegt in unseren Augen in einer ökologisch nachhaltigen Stadtentwicklung.

In einer „grünen“, einer ökologisch nachhaltigen Stadt sind viele Aspekte zu berücksichtigen und miteinander in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite ist es wichtig, der Natur ausreichend Raum zu geben. Denn Parks, Gärten oder Flussauen sind wichtig. Für viele Menschen machen Grünflächen eine Stadt erst attraktiv. Für ein gutes Klima, für die Natur und auch für die Risikovorsorge, etwa für den Schutz vor Hochwasser, sind sie unverzichtbar.

Zugleich müssen wir aber auch Voraussetzungen dafür schaffen, dass viele Menschen ausreichend Wohn- und Lebensraum in der Stadt finden. Die Herausforderung ist, dies so zu gestalten, dass wir möglichst wenig Fläche bzw. kostbaren natürlichen Boden und andere natürliche Ressourcen beanspruchen. Hier sind unter anderem die Fragen entscheidend, für welche Art des Wohnens wir uns entscheiden und wo wir neue Gebäude errichten.

In Deutschland wird ein Lösungsansatz in der „doppelten Innenentwicklung“ von Städten gesehen. Das heißt: Neu gebaut wird auf innerstädtischen, bereits erschlossenen Flächen; wichtige Grün- und Freiflächen in der Stadt und in ihrem Umland bleiben erhalten. Werden doch neue Flächen oder Brachen in der Stadt genutzt, so sind zum Ausgleich an anderer Stelle Grünflächen qualitativ aufzuwerten und besser zu vernetzen. Auch die Gebäude selbst sind zu begrünen, zum Beispiel die Fassaden oder Dächer. Es entsteht ein Mix aus kompakten Stadtvierteln und wichtigen Grünflächen und Grünkorridoren, die den Menschen als Freizeit- und Erholungsraum dienen, für ein gutes Klima in den Städten sorgen und Raum für Pflanzen und Tiere bieten.

Eine solche ökologisch nachhaltige Stadt kann nur entstehen, wenn Politik, Stadtverwaltung und Bürger gemeinsam und engagiert das Konzept der doppelten Innenentwicklung umsetzen. Dies sind Aushandlungsprozesse die teils widersprüchliche Ziele unter einen Hut bringen müssen. Eine Publikation des IÖR zur „Stadt im Spannungsfeld von Kompaktheit, Effizienz und Umweltqualität“ porträtiert sieben deutsche Städte und erläutert die Methode, mit der Stärken und Schwächen aus Sicht von „Bauen!“ und „Durchgrünen!“ herausgearbeitet werden können. Weitere Denkanstöße geben auch die Internetseiten zu unserem Ausstellungsexponat „Die Grüne Stadt – Wie bringen wir unsere Städte ins ökologische Gleichgewicht?“.

Die Antwort stammt von Heike Hensel vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR).

Warum verdienen Frauen immer noch weniger als Männer, obwohl sie oft besser gebildet sind und warum machen sie immer noch mehr Hausarbeit als Männer und übernehmen mehr Verantwortung für die Kinder als Männer?

Es ist richtig, dass Frauen in Deutschland im Durchschnitt niedrigere Einkommen am Arbeitsmarkt erzielen als Männer. Laut dem Statistischen Bundesamt lag der durchschnittliche Bruttostundenverdienst der Frauen im Jahre 2017 etwa 21 Prozent unter dem Durchschnitt der Männer. Dieses Phänomen wird auch als Gender Pay Gap bezeichnet. Rund drei Viertel davon lassen sich auf strukturelle Unterschiede zurückführen: Die wichtigsten Gründe für die Differenzen der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste waren Unterschiede in den Branchen und Berufen, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer teilzeit- oder geringfügig beschäftigt.

Dieser Lohnunterschied ist auf den ersten Blick überraschend, da in den Geburtskohorten ab Ende der 1970er die Bildungsabschlussquoten der Frauen deutlich über den denen der Männer liegen. Dies gilt sowohl für das Abitur als auch für den Studienabschluss. Jedoch bedeutet ein Studienabschluss nicht automatisch ein hohes Einkommen. So wählen Frauen tendenziell eher Studienfächer die für am Arbeitsmarkt schlechter entlohnte Berufe qualifizieren. Beispielhaft sind hier die Ingenieurswissenschaften und das Grundschullehramtsstudium zu nennen. Während weniger als 30 Prozent der ausgebildeten Ingenieur/-innen Frauen sind, sind weniger als 20 Prozent der angehenden Grundschullehrer/-innen Männer.

Es ist außerdem richtig, dass Frauen mehr im Haushalt tun als Männer. Der sogenannte Gender Care Gap beläuft sich auf etwa 50 Prozent oder beinahe 1,5 Stunden täglich. Die zusätzliche Arbeitsbelastung im Haushalt wirkt natürlich auch wieder auf den Gender Pay Gap. Frauen arbeiten öfter in Teilzeit, vermeiden Positionen mit einer hohen Stundenbelastung oder sind bei der Arbeitgeberwahl eher bereit, Gehaltsabstriche zu Gunsten einer besseren Work-Life Balance zu machen.

Zur Erklärung dieses Phänomens werden häufig traditionelle Rollenverständnisse herangezogen. Immerhin 28 Prozent der Deutschen stimmen mit der Aussage überein, dass die wichtigste Rolle der Frau in der Verwaltung von Heim und Familie besteht. Dies spiegelt sich auch in den Erwerbsbiographien von Partnern mit Kindern. Vergleicht man die Einkommensdifferenz von Vater und Mutter im Jahr vor der Geburt des ersten Kindes zur Einkommensdifferenz im ersten Jahr nach der Geburt, so vergrößert sich der relative Gehaltsunterschied zwischen den Partnern um 80 Prozent zu Ungunsten der Mutter. Natürlich ist dies in Teilen mit den biologischen Herausforderungen der ersten Lebensmonate des Kindes zu erklären. Jedoch erholen sich die Einkommen von Frauen auch auf lange Sicht nicht von diesem Schock. Selbst 10 Jahre nach der Kindsgeburt liegt der relative Verdienstverlust der Frauen bei immerhin noch 60 Prozent im Vergleich zum Vorgeburtsjahr. Dies legt nahe, dass traditionelle Rollenbilder in Kombination mit institutionellen Beschränkungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein wichtiges Erklärungsmuster für den bestehenden Gender Pay Gap ist.

Beim Gender Pay Gap gibt es jedoch große regionale Unterschiede. Im Landkreis Dingolfing-Landau betrug der Wert 38 Prozent. Das heißt, dass die vollzeitbeschäftigten Frauen dort 38 Prozent weniger verdienten als die Männer. In Cottbus hingegen verdienten die Frauen 17 Prozent mehr als die Männer. Insgesamt liegt das Entgelt der Frauen in 29 ostdeutschen Kreisen über demjenigen der Männer und damit im auch im Durschnitt für die neuen Bundesländer.

Die Antwort stammt von Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen. 

Weiterführende Quellen:

Was tun gegen die wachsende Schere zwischen arm und reich?

Zunächst muss unterschieden werden, welche „Schere“ man betrachtet, Einkommen oder Vermögen?

Die vorliegenden Daten zur Verteilung der privaten Nettovermögen in Deutschland deuten darauf hin,  dass in den vergangenen rund zehn Jahren die Schere zwischen den ärmeren und reicheren Menschen in Deutschland nicht weiter auseinander gegangen ist.

Bei den Einkommen werden üblicherweise die sogenannten Haushaltsnettoeinkommen betrachtet, dass sind alle Einkommen, die einem Haushalt als Ganzes und dessen Haushaltsmitgliedern in einem Monat (oder einem Jahr) zufließen. Also Löhne, Einkommen aus Selbständigkeit, Kapitaleinkommen, staatliche Transfers wie Kindergeld, Arbeitslosengeld, alle Renten …

Zwischen Ende der 1990er Jahre und 2005 ist die Schere zwischen Arm und Reich gemessen an diese Einkommen in Deutschland deutlich auseinander  gegangen. Seit 2005 sind aber nur noch geringe Veränderungen zu beobachten. Die Einkommen der einkommensschwächsten zehn Prozent der Bevölkerung sind in den letzten drei bis vier Jahren etwas gesunken. Das liegt hauptsächlich an der Zuwanderung in Deutschland, da Personen, die einwandern, im Regelfall nur sehr geringe Einkommen haben.

Aber auch wenn sie nicht maßgeblich steigt, ist die Ungleichheit in Deutschland problematisch. Was tun? Ein wesentlicher Faktor für die steigende Einkommensungleichheit bis 2005 war die Entwicklung am Arbeitsmarkt. So ist es beispielsweise zu einem deutlichen Zuwachs des Niedriglohnsektor gekommen. Hier könnte man ansetzen und  z.B. folgende Maßnahmen anwenden:

– Zurückdämmen von Minijobs,
– gleicher Lohn für Beschäftigte in Leiharbeit
– mehr allgemeinverbindliche Tarifverträge
– Absenkung von Sozialabgaben/Steuern von Geringverdienerinnen und Geringverdienern.

Die Antwort stammt von Markus M. Grabka, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim SOEP und Verteilungsexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin).

Wie kann die Weltgemeinschaft langfristig auf eine primär positive Art und Weise agieren?

Wir alle wollen positiv denken und handeln. Dennoch durchlebt jeder von uns im Laufe seines Lebens Krisen. Der Tod eines nahen Angehörigen, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Vertreibung aus der Heimat oder die Bedrohung durch Naturkatastrophen. Vieles davon ist menschengemacht, einiges dennoch unausweichlich. Wer es schafft, seine psychische Gesundheit während oder nach widrigen Lebensumständen aufrecht zu erhalten oder sie rasch zurückzugewinnen, wird als resilient bezeichnet. Einigen Menschen gelingt dies besser, anderen schlechter. Aber immer ist die Bewältigung der Krise die Voraussetzung für langfristiges positives Agieren. Dies gilt für jeden Einzelnen genauso wie für die gesamte Weltgemeinschaft.

Deswegen erforscht das Leibniz Forschungsinstitut für Archäologie gemeinsam mit Psycholog*innen und Lebenswissenschaftler*innen Resilienzfaktoren. Als Archäolog*innen am RGZM interessiert uns besonders, was die Menschen in der Steinzeit, im Alten Ägypten oder zur Zeit der Griechen und Römer widerstandsfähig gemacht hat. Wir wollen es aber nicht bei dem Blick in die Vergangenheit belassen. Im Fokus steht das Verständnis menschlichen Verhaltens, Handelns, Wirkens und Denkens. Verstehen wir die Entwicklung und Veränderung von Gesellschaften, leisten wir einen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft.

Moderne psychologische und medizinische Studien belegen die Wirksamkeit einzelner Resilienzfaktoren wie Optimismus, soziale Unterstützung und Selbstwertgefühl zur Aufrechterhaltung der Widerstandskraft. Wenn es aber vor 2,6 Mio. Jahren ganz andere Faktoren gab, die zum Überleben und der Weiterentwickeln des Menschen beigetragen haben, warum sollten diese Faktoren nicht auch für die heutige Gesellschaft relevant sein?

Die Antwort stammt von Louise Rokohl, Koordinatorin des Projekts „Resilienzfaktoren in diachroner und interkultureller Perspektive – was macht den Menschen widerstandsfähig?“ am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Was führt junge, gebildete Menschen in den Rechtsradikalismus (Stichwort Identitäre Bewegung)?

Sucht man nach klaren Mustern, primären Ursachen und genauen Mechanismen von rechtsextremistischer Radikalisierung, wird man viele widersprüchliche Ergebnisse finden. Es gibt schlicht zu viele Pfade für Radikalisierungsprozesse. Dementsprechend hat die Forschung vorwiegend komplexe Modelle entwickelt und getestet, die auf unterschiedlichen Erklärungsansätzen basieren und mehrere Bedingungsfaktoren miteinschließen. So macht bspw. eine Identitätskrise anfälliger dafür, sich extremistische Denkmuster anzueignen oder sich einer rechtsradikalen Gruppe anzuschließen – dies erfüllt oft auch eine biografische Funktion und hilft bei der Reduktion von Unsicherheit oder der Bewältigung kritischer Ereignisse, gibt aber auch Anerkennung und ein Zugehörigkeitsgefühl. Will man solche Prozesse verstehen, ist es erforderlich, nicht nur auf das Individuum zu fokussieren, sondern auch Gruppendynamiken ebenso mitzudenken wie gesellschaftliche und  strukturelle Einflüsse: Als Bedingungsfaktoren können die Polarisierung einer Gesellschaft und der politischen Kommunikation, Chancen politischer Partizipation oder die Kultur medialer Berichterstattung identifiziert werden. Eine allgemeingültige Antwort auf die Frage ist deshalb schwierig. Unumstritten aber ist, dass Staat und Gesellschaft viel mehr und dauerhaft in politische Bildung und Prävention innerhalb aller wesentlichen Strukturen des Bildungssystems investieren müssen.

Die Antwort stammt von der „Radikalisierungsforschergruppe“ der HSFK, Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung

Wie definieren Sie Frieden?

Wie Frieden in einem konkreten Forschungsprojekt definiert wird, hängt davon ab, was erforscht wird und woran die Forschenden interessiert sind. Allgemein können wir aber zwischen engen und weiten Friedensverständnissen unterscheiden: Zunächst kann man Frieden definieren als die Abwesenheit von Krieg bzw. von direkter organisierter physischer Gewalt zwischen Personen verschiedener Gruppen. Das wird in der Friedens- und Konfliktforschung auch als „negativer Friede“ bezeichnet, weil Frieden über die Abwesenheit von organisierter (militärischer) Gewaltanwendung bestimmt wird. Dieses Verständnis ist zum Beispiel in der Duden-Definition von Frieden erkennbar als „Zustand des inner- oder zwischenstaatlichen Zusammenlebens in Ruhe und Sicherheit“, der gegebenenfalls vertraglich gesichert ist. Ein solches Friedensverständnis war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vorherrschend, engte den Blick aber auf den Bereich militärischer Sicherheitspolitik ein.

In der Friedens- und Konfliktforschung wurde der Friedensbegriff dann erweitert um den Begriff des positiven Friedens. Ein positiver Frieden zeichnet sich zusätzlich durch die Abwesenheit struktureller Gewalt aus. Strukturelle Gewalt wirkt indirekt und geht von den politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Strukturen und damit einhergehenden Abhängigkeits-, Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen aus. Positiver Frieden setzt negativen Frieden voraus, fasst den Begriff aber breiter. Ein solches breites Verständnis von Frieden wurde von Friedensforschern wie dem Norweger Johan Galtung in den 1960er Jahren verbreitet und stark gemacht. Insbesondere deutsche Friedensforscher, wie Dieter Senghaas und Ernst-Otto Czempiel betrachteten Frieden auch nicht mehr als Zustand, sondern als Entwicklungsprozess. Frieden soll demnach als ein andauernder Prozess verstanden werden, in welchem sich die Verhältnisse weg von organisierter militärischer Gewaltanwendung hin zu gewaltfreier Konfliktbearbeitung, Kooperation und Herstellung sozialer Gerechtigkeit entwickeln.

Frieden ist nach einer solchen Definition durch eine stetige Entwicklung gekennzeichnet, in der physische Gewalt abnimmt, Gerechtigkeit zunimmt und Konflikte verlässlich gewaltfrei bearbeitet werden. Mit einer solchen prozesshaften Definition schwingt auch mit, dass die Grenzen zwischen einem Kriegszustand und Friedenszeiten nicht immer klar bestimmbar sind. Außerdem wird unterstrichen, dass Sicherheit, Frieden, Entwicklung, Gerechtigkeit und Menschenrechte eng zusammenhängen. Dieses prozedurale Friedensverständnis ist auch Teil der Institutsverfassung des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Aus meiner Sicht wird ein solches breites Verständnis von Frieden den Herausforderungen unserer Zeit auch am ehesten gerecht, denn es unterstreicht, dass man an der Entwicklung des Friedens immer weiter arbeiten muss.

Die Antwort stammt von Gregor P. Hofmann, wissenschaftlicher Referent am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)

Was ist Ihr Verständnis von Glück?

Glücklich zu sein bedeutet mit seinem Leben zufrieden zu sein. Wir untersuchen mit Methoden der empirischen Sozialforschung, wie zufrieden die Menschen in Deutschland in einzelnen Lebensbereichen sind. Dafür stellen wir den rund 30.000 Befragten unserer Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) jedes Jahr die gleiche Frage: „Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?“ Diese Frage wird ­– auch bezogen auf verschiedene Lebensbereiche – auf einer Punkteskala von 0 bis 10 beantwortet. So können wir unter anderem herausfinden, wie zufrieden die Menschen mit ihrer Arbeit, ihrem Einkommen, ihrer Familie oder der Demokratie in Deutschland sind.

Die Antwort stammt von Jürgen Schupp, Vize-Direktor des Sozio-oekonomischen Panels am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Soziologie der Freien Universität Berlin.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Am GIGA haben wir mindestens drei Möglichkeiten identifiziert, wie Forschung die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Zunächst ist es wichtig, unseren „post-faktischen“ Zeiten solide Forschung mit klarem realweltlichem Bezug entgegenzusetzen. Am GIGA betreiben wir Grundlagenforschung von hoher Relevanz für die Politik. Wir geben regelmäßig forschungsbasierte Politikempfehlungen zu vier Weltregionen und zu Sachverhalten von globaler Bedeutung. Als Leibniz-Institut haben wir das klare Mandat, Forschung mit Praxisbezug zu betreiben. So untersuche ich beispielsweise unter anderem, wie eine faire, nachhaltige Globalisierung erreicht werden kann und welche Rolle nationale und internationale Narrative dabei spielen.

Zweitens müssen wir erkennen, dass sich in den aktuellen populistischen und extremistischen Bewegungen der Linken und Rechten, eine riesige Unzufriedenheit ausdrückt. Wir müssen die Enttäuschung und Wut derer verstehen, die sich von nationalen und internationalen Regeln an den Rand gedrängt und ausgegrenzt fühlen. Am GIGA möchten wir die unterschiedlichen Stimmen ernstnehmen und haben zu diesem Zweck einen globalen Forschungsansatz entwickelt. Wir arbeiten mit Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost zusammen und versuchen, Länder und Regionen anstatt durch eine westliche Linse aus ihrem eigenen Kontext heraus und in vergleichender Perspektive zu erforschen.

Und schließlich muss Exzellenz in der Forschung auch mit überzeugenden Wissenstransfer einhergehen. Eine entscheidende Lektion, die Wissenschaft aus der heftigen Gegenreaktion zur Globalisierung und dem wachsenden Populismus ziehen sollte, ist, dass Forschungsergebnisse beispielsweise zu den Errungenschaften der Globalisierung oder dem Wert der EU nicht ausreichend und wirksam vermittelt wurden. Es hat sich gezeigt, dass wütend und laut ankommt, während korrekt aber langweilig untergeht. Am GIGA haben wir uns daher – mehr denn je – vorgenommen, unsere Forschungserkenntnisse lebendig und spannend zu präsentieren. Wir haben dafür unserer Medienarbeit in Qualität und Reichweite gesteigert sowie den Austausch mit Politik und Öffentlichkeit breiter aufgestellt und vertieft.
Forschungsergebnisse können dabei helfen, Verständnis für einander zu schaffen und wirksamere Politiken einzusetzen, die zu einer friedlicheren und gerechteren Welt beitragen; eine Welt die pluralistisch und integrierend ist.

Die Antwort stammt von Amrita Narlikar, Präsidentin des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien (GIGA).

Was wirkt tatsächlich gegen Kinderarmut?

Wir arbeiten gerade an der Antwort auf diese Frage.