Ist Fragen lebenswichtig?

Wie groß ist der Weltraum? Wie alt werden Bakterien? Wie funktioniert denken? Jeder von uns hat sich schon einmal mit einer Frage beschäftigt, die alle angeht. Herzlichen Dank für die vielen Forschungsfragen, die unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beantwortet haben.

Lesen Sie unsere Antworten auf Ihre Forschungsfragen:

Können wir bald Meerwasser/Salzwasser günstig in Trinkwasser umwandeln?

Es gibt viele etablierte Methoden, um Trinkwasser aus Meerwasser und Salzwasser zu erzeugen. Die meistgenutzten sind die Umkehrosmose, die mehrstufige Entspannungsverdampfung oder die Elektrodialyse. Ihnen gemein ist leider ein hoher Energiebedarf. Die Vereinten Nationen erwarten, dass 2025 14 Prozent aller Menschen von Wasserknappheit bedroht sind. Das Ziel muss daher sein, nicht nur bessere und leistungsfähigere Entsalzungsmethoden zu entwickeln, sondern zugleich auch solche, die weniger Energie verbrauchen und eine bessere CO2-Bilanz haben. Elektrochemische Prozesse, wie sie in Energiespeichern wie Batterien und Superkondensatoren zum Einsatz kommen, sind ein vielversprechender Ansatz. Durch das Laden von Elektroden werden nur die gelösten Ionen aus dem Salzwasser entfernt und genau die Menge an Strom verbraucht, die der Ladung der Ionen entspricht. Wie auch bei einem Energiespeicher geht die Ladung dabei nicht verloren, sondern wird bei der Regeneration der Elektroden zurückgeführt.

Die Antwort stammt von Volker Presser, Professor am INM – Leibniz-Institut für Neue Materialien und an der Universität des Saarlandes.

Geht Plastik von der Flasche in den Inhalt, z.B. ins Wasser, über?

Diese Frage kann zunächst ganz klar mit Nein beantwortet werden. Jedes Material in der Lebensmittelverpackung, auch für Getränke und Wasser, braucht eine Zulassung und dafür muss sichergestellt werden, dass das Material, z.B. Polyethylentherephthalat (PET) für Getränke-Flaschen, nicht in das Lebensmittel übergeht, weder das Verpackungsmaterial selbst, noch irgendwelche Zusatzstoffe, wie Farbstoffe oder Weichmacher.

Das gilt aber für das Material in seiner molekularen, also gelösten Form. Anders kann es aussehen, wenn wir hier Mikroplastik betrachten, also mikroskopischen Abrieb der Plastikverpackung. Wir haben am IPF im Auftrag der Sendung WISO untersucht, ob sich Mikroplastik-Partikel in Limonaden finden, die in Plastik(PET)-Flaschen abgefüllt sind. Tatsächlich werden Mikroplastikpartikel < 50 µm in Wasser/Limonadenflaschen gefunden, jedoch in geringen Mengen, wie sie z.B. auch in Trinkwasser aus der Leitung gefunden werden; Mikroplastikpartikel > 50 µm sogar nur sehr vereinzelt, also z.B. 20 Partikel in einer Flasche, was extrem gering ist. Haupteintragsquelle ist aber nicht das Material der Plastikflasche, sondern der Schraubverschluss der Flasche. Wenn dieser aufgedreht wird, wird durch das Aufreißen des Verschlusses Mikroplastik erzeugt, das in die Flasche fällt.

Die Antwort stammt von Brigitte Voit, Wissenschaftliche Direktorin und Leiterin des Institutes Makromolekulare Chemie am Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden (IPF).

 

Wie lässt sich die „filter bubble“ durchbrechen?

Der Begriff der „filter bubble“ wurde vom amerikanischen Internet-Aktivisten Eli Pariser geprägt. Demnach sorgen Algorithmen in sozialen Medien dafür, dass Menschen im Netz vor allem jene Informationen angeboten werden, die – vermeintlich oder tatsächlich – die eigene Meinung bestätigen. Wenn die eigene Meinung permanent bestätigt und Gegenmeinungen ausgeblendet werden – so Pariser – dann hat dies negative Auswirkungen auf die Gesellschaft (Polarisierung).

Tatsächlich haben Filteralgorithmen einen großen Einfluss darauf, wie leicht man bestimmte Informationen im Netz auffindet. Auch zeigt sich, dass „Likes“ oder andere „gefällt mir“-Angaben einen Einfluss auf unser Verhalten ausüben, weil sie gewissermaßen wie eine Währung funktionieren. Man sieht anhand der Likes, welches Meinungsbild in einer Community vorherrscht, und man ist eher geneigt, sich dementsprechend zu verhalten. Das Problem der „filter bubble“ würde sich demnach abschwächen, wenn bei Plattform-Anbietern andere Algorithmen verwendet werden, wenn dort Likes abgeschafft werden (was tatsächlich aktuell bei vielen Anbietern ausgetestet wird), oder wenn es statt Likes andere soziale Feedback-Formate gibt. Im Übrigen gilt: Niemand muss auf die empfohlenen News auch wirklich klicken. Man kann sich also von den Algorithmen befreien, in dem man nicht jedem vorgeschlagenen Link folgt und stattdessen selber nach Informationen sucht.

Das ist aber bei genauerer Betrachtung auch nur eine Teillösung. In der Wissenschaft wird der Begriff „filter bubble“ nur sehr selten verwendet, hier nutzt man eher den Begriff der „Echokammer“ des amerikanischen Rechtswissenschaftlers Cass Sunstein. Auch Sunstein ist der Meinung, dass Algorithmen dazu verwendet werden können, um die bestehende Meinung von Internet-Nutzern zu bestätigen. Doch das Problem sitzt nicht nur bei der Technik, sondern auch bei den Menschen selbst. Die psychologische Forschung zeigt tatsächlich, dass Menschen auch ganz ohne Technik eine sehr starke Tendenz haben, Informationen aufzusuchen und zu verbreiten, die das eigene Weltbild unterstützen. Der natürlichen Tendenz zur Meinungsbestätigung kann man am ehesten durch Medienkompetenz entgegenwirken, wie sie etwa in Schulen vermittelt werden könnte. Letztlich geht es darum, sich selbst öfter folgende Fragen zu stellen: Gibt es Gegenmeinungen zu meinem Weltbild? Wenn ja, bin ich in der Lage, die Argumente der Gegenseite zu benennen? Und wie gehe ich mit diesen Gegenargumenten um? Tue ich sie ab, indem ich der Gegenseite Dummheit, Uninformiertheit oder böswillige Absichten unterstelle? Oder gelingt es mir, die Gegenargumente durch eigene Argumente zu entkräften? Wer über solche Fragen reflektiert, wird auch aus der „filter bubble“ ausbrechen können.

Die Antwort stammt von Jürgen Buder, Kommissarischer Leiter der Arbeitsgruppe  Wissensaustausch vom Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen.

Weitere Informationen:

Projekt des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Cognitive Interfaces“ zu Echokammern: https://www.wissenschaftscampus-tuebingen.de/www/de/forschung/forschungsbereiche/projekt01/index.html

Interview zu Echokammern: https://media-bubble.de/me-my-echo-chamber-and-i-radikalisierung-in-selbstbestaetigungsgruppen/

Hilft 16:8-Intervallfasten wirklich beim Abnehmen?

Ja, wenn tatsächlich weniger gegessen wird als vor dem Fasten.

Die 16:8-Diät ist die moderateste Form des intermittierenden Fastens, auch Intervallfasten genannt. Sie bedeutet, dass man täglich 16 Stunden komplett auf Nahrung verzichtet, nur Wasser, Tee oder Kaffee (ungesüßt und ohne Milch) trinken darf, während sich das Essen auf ein Zeitfenster von 8 Stunden beschränkt. Gegessen wird zum Beispiel zwischen 10 und 18 Uhr oder zwischen 13 und 21 Uhr. Anschließend folgen 16 Fastenstunden. Der größte Erfolg stellt sich ein, wenn in den späten Nachmittagsstunden das letzte gegessen und bis zum nächsten Frühstück pausiert wird. Da dies für viele Menschen schwer in den Alltag integrierbar ist und ihnen das gemeinsame Abendessen mit dem Partner oder der Familie wichtig ist, verzichten sie auf das Frühstück. Gegessen werden sollte ausgewogen, mit viel Gemüse und Obst, auf Fast Food und Süßigkeiten sollte möglichst verzichtet werden. Ein Großteil derjenigen, die 16:8-Fasten durchführen, berichtet von einer guten Gewichts­abnahme und dass man sich besser fühlt, aber es gibt auch gegenteilige Äußerungen. Kontrollierte Studien an Tieren (z.B. an Mäusen und Rhesus-Affen) haben gezeigt, dass unter 16:8-Bedingungen das Körpergewicht – vor allem das Körperfett – reduziert wird. Zudem wurden diverse positive Effekte beobachtet, wie eine Verbesserung der metabolischen Flexibilität und der Insulinempfindlichkeit sowie ein Schutz vor kardio­vaskulären Erkrankun­gen und Diabetes. Intermittierendes Fasten wie die 16:8-Diät kann aber nur dann zur Gewichtsabnahme führen, wenn tatsächlich weniger Kalorien konsumiert werden als vor dem Fasten, also etwa 10-15% weniger. Wer jedoch in den 8 Stunden die eingesparte Mahlzeit aufholt, wird gewichtstechnisch keine Erfolge verzeichnen.

Neben der 16:8-Diät zählt die 5:2-Diät und das alternierende Fasten zu den Intervallfastenformen. Bei der 5:2-Diät sind an zwei Tagen nur 500-600 Kilokalorien erlaubt, an fünf Tagen wird normal – also ausgewogen und gesund – gegessen. Beim alternierenden Fasten sollte möglichst über 36 Stunden nichts gegessen werden, gefolgt von 12 Stunden mit Mahlzeiten. Eine Forschergruppe um Prof. Frank Madeo aus Graz hat vor Kurzem im Fachjournal Cell Metabolism eine Studie veröffentlicht, in der gezeigt wurde, dass das alternierende Fasten über einen Zeitraum von 6 Monaten bei schlanken und gesunden Personen zu einer um etwa 30 Prozent verminderten Nahrungsaufnahme und einer Gewichtsabnahme von mehr als 4.5 Prozent geführt hatte, ohne dass der Grundumsatz erhöht war oder die Knochendichte beeinflusst wurde. Vor allem die Menge des Fettgewebes im Bauchbereich, die Cholesterin- und Triglyzeridwerte sowie die Spiegel des Schilddrüsenhormons T3 wurden gesenkt, was wahrscheinlich zusammen zur Verbesserung der Herz-Gesundheit der Studienteilnehmer beitrug (Stekovic et al., Alternate Day Fasting Improves Physiological and Molecular Markers of Aging in Healthy, Non-obese Humans, Cell Metabolism (2019))

Nach Beendigung des Intervallfastens und dem Rückfall in alte Verhaltensmuster ist mit einer Gewichtszunahme zu rechnen, d.h. auch hier wird dann ein Jo-Jo-Effekt ausgelöst. Sollte man also durch die 16:8-Diät sein Wunschgewicht erreicht haben, ist es ratsam, das Gewicht regelmäßig zu kontrollieren und vielleicht an 2-3 Tagen pro Woche im 16:8-Muster zu essen und an den anderen Tagen möglichst auf das Snacken zu verzichten.

Die Antwort stammt von Prof. Dr. Annette Schürmann, Leiterin der Abteilung Experimentelle Diabetologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)

 

Werden Männer (männliche Lebenwesen) zur Reproduktion bald überflüssig?

Garantiert nicht!
Eine sexuelle Fortpflanzung wird von fast allen Lebewesen durchgeführt und das ist eigentlich ja sehr erstaunlich. Für eine sexuelle Fortpflanzung müssen sich zwei Individuen treffen, es müssen sehr komplizierte physiologisch Vorgänge in einem eng definierten Zeitfenster durchgeführt werden und am Ende hat man ein neues Individuum (beim Menschen ein Baby) und dieses muss sich jetzt auch erstmal in der Welt zurechtfinden und hier bestehen. Dennoch beschreiten alle höheren Lebewesen diesen Weg und das wird sich auch nicht ändern.
Mittlerweile kann man einzelne Schritte außerhalb des Organismus (z.B. des Menschen) durchführen. Man kann z.B. eine künstliche Befruchtung „im Reagenzglas“ durchführen und dann den wachsenden Embryo in den Uterus einer Frau einbringen und dort wachsen lassen. Nun mag man argumentieren, dass man dazu ja nur die Frau benötigt. Das vernachlässigt allerdings, dass man bereits für den ersten Schritt der Befruchtung ein männliches und ein weibliches Genom benötigt. Also, egal wie rum man es dreht: für eine erfolgreiche Reproduktion bracht man zwei Individuen und die eine muss weiblich und der zweite muss männlich sein.

Die Antwort stammt von Joachim Weitzel, Abteilungsleiter Reproduktionsbiochemie am Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) Dummerstorf im Institut für Fortpflanzungsbiologie.

Können Nerven wieder heilen?

Die einfachste und kürzeste Antwort auf die Frage, ob geschädigte Nervenbahnen wieder heilen können, lautet wohl “Kommt darauf an”. Daher fangen wir am besten ganz vorne an und schauen, unter welchen Umständen Nerven wieder heilen müssten.

Eine Ursache ist beispielsweise eine Verletzung, die wir uns zugezogen haben. Schneiden wir uns mit dem Brotmesser in den Finger, werden neben Blutgefäßen auch Nervenbahnen verletzt. Diese vergleichsweise kleinen Verletzungen heilen in der Regel vollkommen problemlos von alleine – der Finger kann also am Ende der Wundheilung genau wie vorher funktionieren. Bei vielen Beeinträchtigungen oder Unregelmäßigkeiten ist der Körper in der Lage, diese bis zu einem gewissen Punkt selbst auszugleichen. Anders sieht es zum Beispiel bei schweren Unfällen oder angeborenen Schäden des Nervensystems aus, bei denen die Funktion so stark beeinträchtigt ist, dass (Selbst-)Heilung bislang nicht möglich ist.

Am DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien untersuchen wir unter anderem genau diese Frage: Wie können wir beschädigte Nerven dazu bringen, wieder zu wachsen und zu funktionieren, sodass betroffene Menschen trotz Verletzung wieder ihren Körper bewegen könnten? Um dem nachzugehen, haben wir ein Gel mit sehr speziellen Eigenschaften entwickelt, welche Nervenzellen zu Wachstum anregen können: das Anisogel.

Anisogel besteht aus zwei Gelkomponenten: Dies sind zunächst viele weiche und mikroskopisch-kleine Gel-Stäbchen. Diese Stäbchen wiederum enthalten geringe Mengen von magnetischen Partikeln, welche sich mithilfe eines magnetischen Feldes nach einer bestimmten Orientierung ausrichten lassen. Unsere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen fixieren dann die Gelstäbchen, damit sie an Ort und Stelle bleiben, auch wenn das Magnetfeld entfernt wird. Dies schaffen sie, indem sie es in einer umliegenden, besonders weichen Struktur vernetzen (Gelmatrix). So bilden die Gelstäbchen gleichzeitig eine Art stützendes Leitsystem. Experimente zeigen, dass Nervenzellen und Bindegewebszellen problemlos durch die Gelmatrix hindurch wachsen und sich bewegen können. Dabei orientieren sie sich entlang der gebildeten Pfade. Betrachtet man das Gesamtvolumen des Anisogels, löst bereits ein Gelstäbchen-Anteil von einem Prozent dieses gerichtete Wachstum der Nervenzellen aus.

Zwar sind die bisherigen Ergebnisse vielversprechend, doch ist für uns noch ein weiter Weg zu gehen, damit das Anisogel in der Medizin Anwendung finden kann. Dazu gehört unter anderem die Weiterentwicklung des Anisogels: Wenn wir die Idee auf den Menschen übertragen, würde ein Patient oder eine Patientin das Gel nach einer Verletzung in das Rückenmark injiziert bekommen. Da dies alleine aber nicht ausreicht, um die Nervenzellen wachsen zu lassen, muss es unter anderem sogenannte Wachstumsfaktoren enthalten. Wachstumsfaktoren sind, wie der Name verrät, für das Wachstum der Nervenzellen notwendig beziehungsweise unverzichtbar. Grundsätzlich können wir die Wachstumsfaktoren unter das Gel mischen, allerdings brauchen die Zellen zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschiedene dieser Faktoren. Ihre Freisetzung zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bewerkstelligen, ist daher eine der vielen Herausforderungen für die Zukunft. Diese Weiterentwicklung und die Kombination des Anisogels mit anderen Therapiemethoden wie Zelltransplantation ist ein künftiger Schritt, um es weiter zu optimieren.

Die Antwort stammt von Laura De Laporte, Professorin am DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien und am Institut für Technische und Makromolekulare Chemie der RWTH Aachen University.

 

Referenzen:

Rose JC, Cámara-Torres M, Rahimi K, Köhler J, Möller M, De Laporte L. Nerve Cells Decide to Orient inside an Injectable Hydrogel with Minimal Structural Guidance. Nano Lett. 2017 Jun 14;17(6):3782-3791.

Omidinia-Anarkoli A, Boesveld S, Tuvshindorj U, Rose JC, Haraszti T, De Laporte L. An Injectable Hybrid Hydrogel with Oriented Short Fibers Induces Unidirectional Growth of Functional Nerve Cells. Small. 2017 Sep;13(36).

 

Wie sieht die Schule von morgen aus?

In die Zukunft gerichtete Fragen sind wichtige, aber nicht ganz leicht zu beantwortende Fragen. Unsere Antwort leiten wir einerseits aus Überlegungen zur Frage „Wie sieht eigentlich eine gute Schule aus?“ ab, aber auch mit dem Blick darauf, welchen Themen sich die „Schulen von morgen“ aus unserer Sicht stellen müssen. Unsere Ideen sind hierbei gespeist aus bisherigen Kenntnissen über Schulen und das deutsche Schulsystem sowie den gesellschaftlichen als auch bildungspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre.

Die bildungspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre haben zu verschiedenen Veränderungen geführt, die mit einer zunehmenden Heterogenität und Vielfalt in den Schulen und Klassen einhergehen. So wurden mit dem Ziel einer höheren Bildungsgleichheit nicht nur Reformen im Schulsystem umgesetzt, sondern auch Maßnahmen ergriffen, um eine stärkere Inklusion von Schülerinnen und Schülern umzusetzen. Bildungsteilhabe wird zunehmend Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mit unterschiedlichen sprachlichen und lernbezogenen Voraussetzungen in allgemeinen Schulen ermöglicht. Die Heterogenität in den Schulen und Klassen zeigt sich beispielsweise auch in verschiedenen Altersgruppen, die beim jahrgangsübergreifenden Lernen in der Grundschule gemeinsam lernen, oder über die Klassenzusammensetzungen über Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund und mit verschiedenen Herkunftssprachen. Der förderliche Umgang mit dieser bereits bestehenden Vielfalt in den Schulklassen richtet sich sowohl an das pädagogische Personal als auch an die Schülerinnen und Schüler selbst. Die damit verbundenen Herausforderungen und vielen Chancen werden nicht nur die Ausrichtung des Unterrichts, sondern auch die sozialen Interaktionen auf dem Schulhof weiterhin mitgestalten.

An die Gestaltung von Lern- und Unterrichtsinhalten werden neue Anforderungen gestellt, um wichtige aktuelle gesellschaftliche und ökologische Themen aufzugreifen und diese noch direkter in die Schulen zu tragen. Vielfältige Unterrichtsthemen beispielsweise zur Nachhaltigkeit, dem Klimawandel, der Migration und deren Gründen werden in der Schule zunehmend behandelt und lassen sich mit den Lehrplänen verschränken. Dadurch kann auch die gesellschaftliche Beteiligung von Schülerinnen und Schülern gestärkt und damit zukunftsorientiertes Wissen und Kompetenzen in der Schule erworben und ausgebaut werden.

Nicht zuletzt wird das Lernen in einer digitalen Welt ein großes Thema der Schule von morgen (oder auch schon von heute) sein. Vor kurzem ist der DigitalPakt von Bund und Ländern gestartet, der eine adäquate Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik ermöglicht. Damit einher gehen Anforderungen an das Können und Wissen von Schülerinnen und Schülern und auch Lehrkräften im Umgang mit digitalen Medien und den damit verbundenen Chancen und Risiken.

Ebenso, wie sich die Schulen von heute schon sehr stark untereinander unterscheiden, werden auch die Schulen von morgen verschiedene Schwerpunkte setzen und Ausgestaltungsmöglichkeiten nutzen, um ihre Schülerinnen und Schüler auf die Teilhabe an der Gesellschaft und ihre Zukunft vorzubereiten.

Die Antwort stammt von Ilka Wolter (Abteilungsleitung) und Lena Nusser (wissenschaftliche Mitarbeiterin) in der Abteilung „Kompetenzen, Persönlichkeit, Lernumwelten“ am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (LIfBi), Bamberg.

Wie kann man Bildungsgerechtigkeit erreichen?

Als Wissenschaftlerin tue ich mich mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ schwer. Was gerecht ist, ist keine empirische, sondern eine normative Frage. Diese muss in unserer Gesellschaft von der Politik, anderen gesellschaftlichen Akteuren und Gruppen und letztlich von jedem selbst beantwortet werden.

Die Bildungsforschung kann aber Antworten darauf geben, welche Arten von Bildungsungleichheit es in unserer Gesellschaft gibt und wie diese entstehen. Dabei zeigt sich: Die Hauptursache von Bildungsungleichheit liegt heute nicht mehr im Bildungssystem, sondern in den Familien. Je nach ihrem sozialen Status und ihrer eigenen Bildung haben Eltern ganz unterschiedliche Möglichkeiten, ihre Kinder zu fördern. Und je nach ihrer sozialen Herkunft treffen Eltern und Kinder selbst bei gleichen Fähigkeiten ganz unterschiedliche Bildungsentscheidungen. Maßnahmen, die sich an die ganze Bevölkerung richten (zum Beispiel flächendeckender Ausbau von Kinderbetreuung, bessere individuelle Förderung, Flexibilisierung von Bildungsgängen, durchlässigeres Bildungssystem) können daher sogar zu einer erhöhten Bildungsungleichheit führen, da Kinder aus bildungsnahen und statushohen Familien diese Angebote eher in Anspruch nehmen und stärker von ihnen profitieren.

Die Antwort stammt von Kerstin Hoenig, Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (LIfBi)

Wo gehen die Klügsten hin? Forschung oder Wirtschaft?

In Deutschland verfügt knapp 1 Prozent der Gesamtbevölkerung über den höchsten Bildungsabschluss – die Promotion. Diese knapp 772.000 Promovierten dürften damit zu den klügsten Köpfen im Land zählen. Die meisten Doktorarbeiten werden in der Humanmedizin bzw. den Gesundheitswissenschaften (40%) sowie in der Mathematik und den Naturwissenschaften (25%) geschrieben (Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017).

Umfragen zufolge ist die akademische Karriere an einer Hochschule oder außeruniversitären Forschungseinrichtung für viele promovierte NachwuchswissenschaftlerInnen sehr attraktiv. Die interessanten Arbeitsinhalte und die zeitliche Flexibilität werden sehr geschätzt. Gleichzeitig bewerten die jungen Forscherinnen und Forscher die Beschäftigungssituation nach Abschluss der Promotion kritisch (Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017). Wiederholt befristete Verträge, kurze Vertragslaufzeiten und die Gefahr, eine der wenigen dauerhaften, entfristeten Stellen in der akademischen Forschung nicht zu erreichen, bedeuten für sie eine hohe Unsicherheit. Denn: Häufig ist die Besetzung einer Professur die einzige Möglichkeit für eine dauerhafte Anstellung. Allerdings existiert im Vergleich zu der sehr großen Gruppe von befristeten NachwuchswissenschaftlerInnen nur eine sehr geringe Anzahl von dauerhaften Professuren.

Aufgrund der wenigen dauerhaften Stellen in der akademischen Forschung ist es wenig überraschend, dass viele Promovierte in der Wirtschaft arbeiten. Von allen erwerbstätigen Promovierten unter 45 Jahren arbeiteten 2015 nur 19% an einer Hochschule und nur 16% im sonstigen öffentlichen Dienst, einschließlich außeruniversitärer Forschungseinrichtungen. Demgegenüber waren 65% der Promovierten in der Wirtschaft tätig. Viele arbeiten dort im Gesundheitswesen, was angesichts der vielen Promotionen in der Humanmedizin wenig überraschend ist. Der Anteil der forschenden Promovierten in der Wirtschaft ist mit 17% relativ gering (Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017, Mikrozensus 2015). Anders als in der akademischen Forschung, haben in der Wirtschaft mehr als 70% der Promovierten eine dauerhafte Stelle. Neben den Vertragslaufzeiten unterscheiden sich auch die Verdienste: Die höchsten Bruttolöhne finden sich bei den Promovierten im nicht-wissenschaftlichen Bereich sowie im Bereich Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft. Mit großem Abstand folgen die tarifgebundenen Gehälter der promovierten Nachwuchswissenschaftler an Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017).

Auffallend sind die steigenden Investitionen in Forschung und Entwicklung innerhalb der Wirtschaft. Dadurch wächst der Bedarf an exzellent ausgebildeten Fachkräften weiter. Gleichzeitig gibt es aber auch zunehmend mehr Kooperationsprojekte, welche die klugen Köpfe in der akademischen Grundlagenforschung und in der häufig finanzstarken und schnelleren Forschung in der Wirtschaft zusammenbringt. So werden vor allem in Bereichen der Medizin, der Ingenieurswissenschaften oder der IT komplexe Forschungsprobleme auch zunehmend gemeinsam bearbeitet.

Und schließlich: Sicher gibt es auch kluge Köpfe, die nicht promoviert haben – dazu fehlen aber bislang belastbare Daten.

Die Antwort stammt von Gundula Zoch, Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (LIfBi)

 

Referenzen

Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017. Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017. Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland. Bertelsmann Verlag: Bielefeld.

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